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Bildung: Von wegen faule Säcke ...

Bildung : Von wegen faule Säcke ...

Zum Artikel „Gymnasiallehrer laut Studie chronisch überlastet“ (TV vom 10. März) schreibt Dr. Stefan Spies:

Bei der Bewertung der Situation der Lehrer ist ein hohes Maß an Differenzierung geboten. Lehrer sind mitnichten per se „faule Säcke“, und andere Leute sind nicht per se fleißig. Jedoch ist bei Lehrern der jeweilige Grad der Belastung deutlich unterschiedlicher ausgeprägt als in anderen Berufsständen.

Jeder wird mit der Zeit routinierter, jeder kennt (vermeintlich) weniger ausgelastete Kollegen, jeder hat mal Urlaub, und jeder hat mit jobspezifischen Problemen zu kämpfen. Doch grundsätzlich haben voll arbeitende Busfahrer/Köche/Paketboten ihre 40-Stunden-Woche ein Leben lang abzuleisten bei fünf bis sechs Wochen Urlaub/Jahr, ohne dass sich hieran etwas ändert und ohne dass Kollegen bedeutend bessergestellt wären.

Die Arbeitszeit von Lehrern unterteilt sich hingegen in Unterrichtszeiten (sogenannte Deputate) und Zeiten der Vor- und Nachbereitung. Die Deputate liegen bei circa 25 Pflichtstunden für Gymnasiallehrer (= 45-minütige Schulstunden, also circa 19 Zeitstunden), umfassen also etwa die Hälfte der Arbeitszeit. Während diese Belastung alle Lehrer gleich trifft, unterscheidet sie sich im Übrigen stark – je nach unterrichteten Fächern, Klassenstufen und Berufserfahrung: Der Lehrer, der einige Jahre im Dienst ist, kann häufiger auf Unterrichtsvorbereitungen früherer Jahre zurückgreifen; der Korrekturaufwand eines Lateinlehrers in der Mittelstufe ist mit der eines Deutschlehrers in der Oberstufe (umfangreiche Aufsätze und Interpretationen) nicht zu vergleichen. Aus diesem Grunde variieren die Deputate in manchen Bundesländern je nach unterrichtetem Fach und Schulstufe (zum Beispiel Oberstufe). Dieser Ansatz wäre sicherlich ausbaufähig, was naturgemäß auf den Widerstand der Fachlehrer stoßen dürfte, denen mehr Pflichtstunden auferlegt werden sollen.

Noch etwas zur Statistik: Einige Lehrer liegen sicherlich deutlich unter den im Artikel angesprochenen 45,2 Stunden/Woche und andere noch darüber. Bei der Arbeitsbelastung kommt man allerdings an einem Aspekt nicht vorbei: Dies sind die Schulferien – und die heißen nach der Ferien(!)ordnung wirklich so und nicht etwa „unterrichtsfreie Zeit“.

Während Arbeitnehmer einen Anspruch auf mindestens 24 Urlaubstage (inklusive Samstage) haben, beträgt die Gesamtdauer der Ferien 75 Werktage (inklusive Samstage). Auch unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Anzahl der Ferientage mehr Samstage umfasst als die der Urlaubstage, betragen die Ferien in der Summe mehr als das Doppelte als der Urlaub anderer Arbeitnehmer, wovon jede allein­erziehende Mutter von Schulkindern ein leidvolles Lied singen kann.

Konkret: Fünf bis sechs Wochen Urlaub versus mehr als zwölf Wochen Schulferien. Selbst wenn man zugrunde legt, dass Lehrer in den Ferien in der Summe zwei Wochen (also 80 Stunden) arbeitend zu Hause verbringen, bleiben zehn Wochen freie Zeit übrig und damit vier Wochen (= 160 Arbeitsstunden) mehr als bei anderen Arbeitnehmern. Rechnet man dies auf die 40 verbleibenden Schulwochen um, müssen Lehrer jede Woche vier Stunden mehr arbeiten, also 44 Stunden/Woche, um übers Jahr verteilt genauso viel zu arbeiten wie andere Arbeitnehmer. Und dann bin ich von der Statistik nicht mehr weit entfernt.

Dr. Stefan Spies, Trier