1. Meinung
  2. Leserbriefe

Politik: Vorauseilender Gehorsam

Politik : Vorauseilender Gehorsam

Zum Artikel „Berlin sichert Guaidó Unterstützung zu“ und zum Kommentar „Riskant, aber richtig“ (TV vom 5. Februar) schreibt Egon Sommer:

Deutschland, Teil des freien und meist „unsozialistischen“ Westens, übertrifft sich in Sachen Venezuela mal wieder selbst im vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem gottgewollten US-Präsidenten Trump. Es kann ja nicht sein, dass im erdölreichsten Land dieser Erde nicht das venezolanische Volk, sondern die freie Welt, allen voran die USA, vom schwarzen Gold profitieren. Ein mit deutlicher Mehrheit gewählter sozialistischer Präsident namens Nicolás Maduro muss deshalb weg, und an seine Stelle ernennt sich ein 35-jähriger politischer Nobody zum Übergangspräsidenten.

„Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder x-beliebige Oppositionspolitiker mit Unterstützung fremder Regierungen zum Präsidenten erklären könnte“, soll Bundeskanzlerin Angela Merkel zu den Umsturzplänen der freien westlichen demokratischen Staaten gesagt haben. Damit ist eigentlich alles gesagt, was der preisgekrönte Schriftsteller Wolfgang Bittner, unter anderem Verfasser des Satire-Buchs „Die Abschaffung der Demokratie“, sarkastisch zum Thema Venezuela im Kopf trägt. Auch ihm sind die Demokratiebestrebungen im Irak und Libyen wegen des Öls, Syrien und nicht zuletzt in Afghanistan und anderswo in dieser Welt wegen der Demokratie in bitterem Bewusstsein erhalten.

Als kleinen Weichmacher hat Ulrich Brenner, Nachrichtenchef der Saarbrücker Zeitung, für den TV einen Kommentar verfasst, den man entsprechend der Redensart „weder Fleisch noch Fisch“ einordnen darf: „Der Schritt der Bundesregierung, Juan Guaidó als Übergangspräsident Venezuelas anzuerkennen, ist sympathisch, aber er wirft natürlich Fragen auf. Es gibt Dutzende Herrscher in der Welt, deren Macht nicht demokratisch legitimiert ist. Dennoch entzieht Berlin ihnen nicht die Anerkennung. Voraussetzung ist in der Regel, dass sie die Kontrolle über den Staatsapparat verloren haben.“ Den Kommentar schließt Brenner so ab: „Also: Wenn es der Demokratie in Venezuela hilft, ist der Beschluss Berlins das Risiko wert.“ Dem ist dann nichts mehr hinzuzufügen; bis zum Beginn des Bürgerkrieges in Venezuela.

Egon Sommer, Tawern