Klima: Vorsichtig formuliert: ein Irrweg

Klima : Vorsichtig formuliert: ein Irrweg

Zu einem Leserbrief unter der Überschrift „Groteske Anmaßung“ (TV vom 5./6. Oktober) und zur Klima-Debatte schreiben Rolf Linn und Norbert Bogerts:

Stephan Brunker schlägt vor, das Problem Klimawandel an seiner Wurzel zu packen und eine klimaneutrale, kostengünstige und beliebig skalierbare Energiequelle zu finden. Er schreibt auch, mit neueren Atomkraftkonzepten gebe es eine Lösung.

Die Wurzel des Problems liegt allerdings tiefer: Sie liegt in unserem Bestreben nach immer mehr, immer weiter, immer schneller. Unsere Erde ist aber endlich, da kann die Wirtschaft nicht ohne Ende wachsen. Endlich ist nicht nur die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre, endlich sind auch alle Rohstoffe und das nutzbare Land.

Mal unterstellt, wir hätten eine klimaneutrale, sichere Energie, dann könnten wir noch viel mehr Auto fahren. Aber wo?

Unsere Straßen sind teilweise jetzt schon verstopft. Wollen wir unser Land mit Straßen zubauen? Wie weit müssten wir dann fahren, um überhaupt noch ins Grüne zu kommen?

Müssen wir daher auf Wichtiges verzichten? Ist das „immer mehr, immer weiter, immer schneller“ wirklich so unverzichtbar? Gibt es nicht viel Wichtigeres für ein gutes Leben, zum Beispiel die Entwicklung der eigenen Kompetenzen, das Gefühl, etwas zum Ganzen beizutragen, das Geborgensein in einer Gemeinschaft, Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur?

Nun gibt es „Wirtschaftsexperten“, die behaupten, die Wirtschaft könne nur funktionieren, wenn sie immer weiter wächst. Vielleicht müssen wir daher unsere Wirtschaftsweise ändern. Hierzu gibt es auch Ideen, zum Beispiel die „Gemeinwohl-Ökonomie“ (www.ecogood.org/de/). Dabei soll durch eine Änderung der Anreizstrukturen unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem schrittweise in eine ethische Gemeinwohl-Marktwirtschaft transformiert werden.

Rolf Linn, Trier

Der Leserbrief von Stephan Brunker zur Atomkraft erinnert mich an die 50er und 60er Jahre, als das scheinbar unendliche Potential der Kerntechnik in glühendsten Farben geschildert wurde. Es kam zu einem Ausbruch von Hoffnungen auf ein neues technisches Zeitalter, das in der Vorstellung vieler Zeitgenossen einer paradiesischen Welt entsprach. Auch Franz Josef Strauß setzte auf die Atomtechnologie, da er als Verteidigungsminister eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr durchsetzen wollte. Lediglich die Versicherungswirtschaft protestierte, da sie die unschätzbaren monetären Gefahren sah.

Was ist aus diesen Träumen geworden? Das Eintreten der von der Atomtechnologie ausgehenden Gefahren wurde als allerhöchst unwahrscheinlich beschrieben. Die Katastrophen von Windscale (deshalb umbenannt in Sellafield), Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima haben uns eines Besseren belehrt, ganz zu schweigen von den kaum in die Öffentlichkeit geratenen Katastrophen von zum Beispiel Majak (UdSSR 1957) und Church Rock (1979, der bis heute schwerste Atomunfall in den USA). Sie wurden verheimlicht oder bagatellisiert, da sie militärische Bedeutung hatten. Bedenkt man auch die Zerstörungen, die durch den Uranabbau insbesondere in Gebieten indigener Bevölkerungen entstanden sind und zu Tausenden verstrahlten und gestorbenen Menschen führten, müsste jedem einleuchten, dass die Stromerzeugung durch Atom – vorsichtig formuliert – ein Irrweg ist. Die dritte Generation von AKW (Druckwasserreaktoren, Kernfusion) kann nichts daran ändern, wie selbst Herr Brunker einräumt, da sie „zu aufwendig“ sei. Damit meint er wohl, dass deren Fertigstellung sich bei explodierenden Kosten immer weiter hinausschiebt, da immer wieder große Sicherheitsmängel auftreten. Das wird auch bei der vierten Generation nicht anders sein. Ein großes Problem der mit Thorium betriebenen Flüssigsalz-Brutreaktoren ist, dass das Salz enorme Korrosionsprobleme verursacht. Zudem ist die Strahlenbelastung aufgrund der vielen Spaltprodukte hoch und es entstehen große Mengen radioaktiven Tritiums, die unaufhaltsam entweichen. Die Behauptung, dieser Reaktortyp sei aufgrund seiner Konstruktion besonders sicher, bezieht sich nur auf die technische Anlagensicherheit. Die Bedrohung durch Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze, Terrorismus oder menschliches Versagen bleibt.

Die Stromerzeugung mittels Atomkraft ist aus ökonomischen und ökologischen Gründen gescheitert, auch wenn entsprechende Kapitalinteressen immer wieder versuchen, sie als Heilmittel bei der Klimaproblematik anzupreisen.

Wind- und Solarkraftwerke, deren Effizienz durch Forschungen deutlich gesteigert werden, können heute schon mit Atom- und fossilen Kraftwerken konkurrieren. Warum dann auf ökonomisch, ökologisch und friedenspolitisch gefährliche Technologien setzen? Das ist Russisch-Roulette.

Norbert Bogerts, Welschbillig