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leserbriefe
Wahrscheinlich im falschen Film

Zum Artikel „Amarcord-Konzert: Statt Mythos Wellness fürs Ohr“ (TV vom 15./16. September) schreibt Dieter Rass:

Die intellektuelle Überlegenheit der Kritik blitzt auf, wenn der Vortrag als  eine „blumige Mischung“ bezeichnet wird. Während der normale Zuschauer ein akustisches Phänomen wahrgenommen hat, hatte die Kritik offenbar ein visuell-olfaktorisches Erlebnis.

Wer seine Maßstäbe am klassischen Kanon der E-Musik misst, war wahrscheinlich im falschen Film. Ich jedenfalls habe das gehört, was auch im Programm stand: witzige, zuweilen auch virtuose bearbeitete verfremdete Versionen unterschiedlicher Autoren mit häufig wechselnden Instrumentalisierungen und Gesangseinlagen.

Ich hatte, ebenso wie die Musiker nicht den Anspruch, Eric Satie in einer „verbesserten“ Cover-Version zu hören. Mit abschätzigen Begriffen wie „Streicher-Schmalz“ „Betthupferl“ und einem verächtlichen „ah geh“ entlässt die (namenlose) Kritik den Zuhörer in die kulturlose Wüste der Mosel.

Wie sagte Erich Kästner über Kritiker: „Ihr Gewerbe besteht darin, dass sie mit der bitterbösen Absicht ins Theater gehen, sich dort zu ärgern oder, sollte das misslingen, zu langweilen. Und dass sie mehrere Tage später mit Hilfe gehässiger Zeitungsartikel die breite Öffentlichkeit über die Art und den Grad der gehabten Unlustgefühle aufs Geschwätzigste unterrichten.“

Kulturkritiker verstehen Ihre Verdikte manchmal als Gutachten oder Expertise, aber es sind auch nur Meinungen ebenso wie die von Erich Kästner … und auch meine.

Dieter Rass, Wittlich