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Katholische Kirche: Warum diese Aufregung?

Katholische Kirche : Warum diese Aufregung?

Zum Artikel „Missbrauchsdebatte: Bischof sorgt für Sturm der Entrüstung“ (TV vom 12. November) und zu Leserbriefen zum Thema schreiben Angela Dost-Petry, Thomas Ebersberg und Ossi Steinmetz:

Bevor es zu einer finanziellen Entschädigung der Missbrauchsopfer kommt, sollten diese sich vielleicht erst darauf besinnen, was geschrieben steht: Vergebt denen, die euch Böses getan, denn sie wissen nicht, wussten nicht, was sie getan.

Damit würden die Opfer allen Missbrauchsbeauftragten helfen, und eine Lösung des finanziellen Ausgleichs findet sich bestimmt.

Angela Dost-Petry, Wintrich

Da ist dem Bischof Ackermann zum Thema Missbrauch und Kirchensteuer etwas herausgerutscht, was er sogleich wieder zurückgenommen und wofür er sich auch noch entschuldigt hat. Die Gläubigen sind entsetzt, und doch frage ich mich, warum diese Aufregung? Ist da wirklich etwas Neues passiert? Bezahlen die Gläubigen nicht seit jeher für die Sünden ihrer Kirchenoberen, für den Luxus und das Mätressenwesen der mittelalterlichen Päpste und Kirchenfürsten ebenso wie für die Pfründe in der Feudalzeit und die Kapitalanlagen in der Moderne?

Wie und warum wurde die katholische Kirche denn die reichste Organisation auf dieser Welt? Durch ihrer Hände Arbeit? Wer hat die Weinberge der Trierer Bischöfe, die jetzt zur Diskussion stehen, bezahlt? Ja, die Erkenntnis, dass schon immer die Gläubigen zur Kasse gebeten wurden, ist bitter und lässt manchen Gläubigen darüber grübeln, ob er noch dieser Organisation treu bleiben und sie weiterhin „sponsern“ soll. Die Lösung ist nicht so einfach. Denn bei einem Austritt müsste er auf die drei großen kirchlichen Rituale verzichten, auf Taufe, Hochzeit und Beerdigung. Auf die Sonntagspredigt kann er schon lange verzichten. Nur noch wenige finden den Weg zur Kirche. Was er dort hören würde, unterscheidet sich kaum mehr von den säkularen Predigten der Politiker: „Bewahrung der Schöpfung“, sprich: Natur- und Klimaschutz, und in Anlehnung an die „Nächstenliebe“: Friedensappelle und Aufrufe zur Solidarität und zu sozialer Gerechtigkeit. Auch die priesterliche Absolution brauchen die Gläubigen nicht mehr. „Sünde“, was ist das? Das Sündenbewusstsein ist dahin, die Beichtstühle bleiben leer.

 Die Sünden gegen die eigene Gesundheit und das Klima sind im Beichtspiegel nicht aufgeführt. Und was die Sexualität angeht, da macht ohnehin jeder, was ihn gutdünkt. Warum also in der Kirche bleiben?

An der Botschaft jenes Jesus kann es nicht liegen. Der träumte sicher nicht von einem pompösen Petersdom und auch nicht von staatlich finanzierten Kirchenfürsten. Seine Botschaft war einfach gestrickt. Sie hätte keines Lehramtes bedurft, keines ausgefeilten Sündenkatalogs. Und dass jener Ausspruch „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ ein authentisches Jesus-Zitat war, das würde heute kein Bibelexeget, der etwas von historischer Textkritik versteht, behaupten. „Wer an mich glaubt ...“ bedeutete für jenen Jesus sicher nicht: „Wer an die katholische Kirche glaubt ...“ Diese Kirche ahnte, dass ihr Alleinvertretungsanspruch auf wackligen Füßen steht. Deshalb formulierte sie ja auch die Drohung: „Extra ecclesiam nulla salus!“ – auf Deutsch: „Außerhalb der Kirche kein Heil!“

Wer diese Kirche verlässt oder wer exkommuniziert wird, dem droht die Höllenpein. Man darf vermuten, dass sich diese Drohung irgendwo im Unbewussten der Gläubigen festgesetzt hat.

Auch wenn man nicht mehr so recht an ein Leben nach dem Tod und das Jenseitsparadies glaubt – man kann ja nie wissen. Da will man es sich mit der Institution, die über den Eintritt ins Paradies wacht, nicht verderben. Sie sind nicht zu beneiden, diese Gläubigen, hin- und hergerissen zwischen den beiden zugleich abschreckenden und verführerischen Möglichkeiten: Bleiben oder austreten?

Thomas Ebersberg, Gundelfingen

Mit Empörung und Zornesröte im Gesicht habe ich die Verlautbarung unseres Bischofs Stephan Ackermann („Zahlung von Entschädigungsleistungen für Missbrauchsopfer aus der Kirchensteuer“) zur Kenntnis genommen. Diese Aussage wurde wenig später von der Pressesprecherin des Bistums Trier relativiert. Wie dem auch sei, ob als Fakt oder in relativierter Form, Kirchensteuer für Entschädigungsleistungen heranzuziehen hat die Gemüter der Kirchensteuerzahler emotional hochgekocht. Als Ehrenbürger meiner Heimatgemeinde Bausendorf stelle ich mit meiner Erfahrung, mit meinem Engagement im kommunalen und im kirchlichen Bereich und auch im örtlichen Vereinsleben fest, dass ein solches Vorgehen in der Öffentlichkeit die Wellen der Entrüstung und Empörung hochschlagen lässt – für mich eine Steilvorlage zum Austritt aus der Kirche.

Neben der Kirche als Institution mit absolutistischen Machtstrukturen ist Kirche aber in erster Linie als Volk Gottes, als Glaubensbekenntnis, als Gemeinschaft derer, die von Jesus Christus ausgerufen wurden, zu verstehen. Sie gibt aus dieser Betrachtungsweise vielen Halt, Heimat, aber auch Zuversicht in schwierigen, oft ausweglosen Lebenssituationen. Ich stelle fest, dass jeder Missbrauchsfall einer zu viel ist und die Folgen bei den Opfern unermessliches Leid hervorgerufen haben.

Die angekündigten Entschädigungsleistungen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Täter, in der Regel Priester, haben aus niederen und verwerflichen Beweggründen Schutzbefohlene eiskalt missbraucht und ihnen so unsägliches Leid mit bleibenden Schäden zugefügt. Auch die Vertuschung im Rahmen der Kirchenhierarchie ist unentschuldbar. Zunächst sind die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Täter mit – in der Regel – Pensions- beziehungsweise Versorgungsanspruch. Sie sind fristlos zu kündigen, wovon ich einmal ausgehe, dass dies geschehen ist. Sollte es Ansprüche gegeben haben oder noch geben, dann sind diese bis auf den letzten müden Euro für die Entschädigung der Opfer einzusetzen. Wenn dem nicht so ist, dann sind die Institutionen, für die sie tätig waren, zur Rechenschaft zu ziehen, dann aber bitte schön über den Wirtschaftsbetrieb dieser Einrichtungen und nicht über die Kirchensteuer.

Es scheint, dass die Kirche die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt hat, stur in ihren absolutistischen Strukturen verharrt und als Institution immer mehr der Bedeutungslosigkeit entgegentaumelt. Das Schiff „Kirche“ droht zu sinken. Dies sollte auch vom Oberhaupt der katholischen Kirche im Bistum Trier, Bischof Ackermann, und dem dazugehörigen Stab von Mitarbeitern erkannt werden. Ballast und Gepäck mit nicht nachvollziehbaren Entscheidungen müssen dringend über Bord, um das Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bekommen. Nur so kann es weiterhin gemäß dem eigentlichen Auftrag auf Kurs bleiben.

Ossi Steinmetz, Bausendorf