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leserbriefe
Was dann alles zusammenbricht ...

Zur Berichterstattung über den Klimawandel schreibt Karl-Heinz Keiser:

Fast lebenslang trug ich die Überzeugung in mir, der Mensch sei das intelligenteste Lebewesen unseres Planeten. Ich habe geirrt. Keine Art betreibt die Vernichtung des Lebensraums für künftige Generationen so intensiv wie der Mensch.

In Deutschland fahren Autos in zweistelliger Millionen-Zahl unter Duldung der Politik ohne ABE (Allgemeine Betriebserlaubnis), weil die Abgaswerte manipuliert wurden. Nun sollen ein paar Mausklicks das richten. Die tollste Erfindung von VW der vergangenen Jahre ist zweifellos, wie man mit Hilfe von Politik und rhetorischen Kunstgriffen ein 80-Millionen-Volk vera... kann. Wenn auf den Gemüsemärkten im sonnenverwöhnten Italien holländische Treibhaus-Tomaten günstiger sind, sollte man weniger an den LKW-Stau auf der Brenner-Autobahn und mehr an die von der Industrie gelenkte politische Konzeptlosigkeit denken.

Die Mobilität von Menschen und Waren zu Wasser und in der Luft verläuft jenseits der Treibstoff-Besteuerung, obwohl sie den größten Anteil der bereits begonnenen Klima-Katastrophe zu verantworten hat. Ein Kreuzfahrt-Schiff mit 3000 Passagieren verursacht den gleichen Schadstoff-Ausstoß wie drei Millionen Autos auf gleicher Strecke, ein Container-Schiff mit fünfzehntausend Containern entsprechend mehr. Bei jedem Versuch, an dieser Steuer-Schraube zu drehen, blockieren die Lobbyisten der Branche mit den Worten: Was dann alles zusammenbricht ...

Stellen wir uns darauf ein, dass die Hilferufe des Planeten heftiger werden. Wenn im engen Flusstal nur noch Kirchtürme aus der braunen Brühe ragen, zur gleichen Zeit ein paar Hundert Kilometer weiter im ausgetrockneten Flussbett tote Fische tonnenweise gen Himmel stinken, haben die gleichen Worte ihre Berechtigung: Was dann alles zusammenbricht ...

Solange die Industrie das Vorhalten von Arbeitsplätzen zur Erpressung von Politik und Gesetzgebung nutzt, wird sich nichts ändern, obwohl alle wissen, dass in den Produktionshallen der Großindustrie Kollege Roboter und in der Verwaltung Kollege Computer die Besseren sind. In diesem Bewusstsein müssten Entscheidungsträger schon heute planen, weil die Menschen auch in Zukunft zu versorgen sind – und die Arbeitsplätze nicht mehr das schlagende Argument sein werden. Noch werden die Hilferufe unseres Planeten ignoriert und die Zuwachsraten der klimaschädlichen Branchen mit Beifall begleitet. Das ermutigt viele Entscheidungsträger aus Industrie und Politik, den Lebensraum unserer Folgegenerationen zu opfern.

Karl-Heinz Keiser, Thomm