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Was für ein Theater - Dreck und Schlamm bei den Schlottmanns’

Was für ein Theater - Dreck und Schlamm bei den Schlottmanns’

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal Familie Schlottmann: Mama Schlottmann, Papa Schlottmann, Amelie Schlottmann, Franziska Schlottmann, Klein-Heinz Schlottmann und das kleine Baby Claudia Schlottmann.,,Bäh, du Ferkel!" Franziska warf angewidert ihren Löffel nach Thomas, aber sie traf ihr Ziel nicht.

Die zwei saßen mit Mama und Papa Schlottmann zusammen beim Frühstück in ihrem neuen Esszimmer, das sie erst vor kurzem bezogen hatten, und Thomas hatte gerade in der Nase gebohrt, und was er dann getan hatte, spottete wirklich jeder Beschreibung. Mama Schlottmann unterbrach ihr Lieblingsthema, sie sei nun dicker als Frau Schlüter.
"Da wird einem ja schlecht, wenn man dir zuschaut. Pass bloß auf, dass du keine Würmer kriegst. Ist ja eklig."
Franziska schüttelte sich. Thomas wurde ein bisschen rot und zuckte mit den Schultern.
Und Papa raschelte mit der Zeitung. Von Mamas Selbstanklage hatte er wohl nichts mitbekommen, auch nicht den Streit zwischen Franziska und Thomas, bei ihnen war es ja auch öfters einmal laut.
"Die Leute regen sich über die komischsten Sachen auf", knurrte er unvermittelt. Er grübelte gerade über ein Stück nach, das er sich gestern Abend im Theater angeschaut hatte. In dem Stück hatten die Schauspieler literweise Farbe über sich und den Theaterboden geschüttet, und dann mussten sie aufpassen, dass sie nicht hinfielen, denn der Boden war ganz glitschig von der vielen Farbe geworden. Manche krabbelten deshalb während des ganzen Stückes nur noch über die Bühne oder rollten sich über den Boden. Dabei wurde die Farbe, die zuerst ja ganz bunt gewesen war, braun. Am Ende saßen die Schauspieler in einer braunen Brühe und sahen aus, als hätten sie sich mit Schlamm beworfen. Dem Publikum hatte das gar nicht gefallen.
"Aber warum hat es dem Publikum nicht gefallen? Konnte man das Ganze nicht verstehen? Oder war es vielleicht nicht schön genug?" Papa kratzte sich am Kopf. Mama guckte ratlos, sie war in Gedanken immer noch bei ihrem Thema und ging nach oben, um Klein-Heinz bei seiner Strumpfsuche zu helfen.
Da kletterte Thomas auf Papas Schoß. Und Papa erzählte von dem Stück. Thomas war beeindruckt:
"Ihr habt es gut", sagte er. "Wir dürfen so etwas nicht."
Papa Schlottmann war nicht nur Theaterkritiker, nein, er war ein Erfinder. Und was erfand er? Er erfand Geschichten voller merkwürdigster Lebewesen: Von Schlangen, die lieber klettern als kriechen wollten, oder von Fledermäusen, die sich in der Dunkelheit fürchteten, und von Rosen, die abgeknickt an ihrem Strauch hingen und dennoch nicht verblühten. Er war acht Jahre jünger als Mama, aber er sah älter als sie aus. "Frauen leben ja auch länger", sagte er, wenn andere Leute sich über den Altersunterschied wunderten. "Ja, die Leute regen sich immer über die komischsten Sachen auf. Aber das, worüber sie sich wirklich aufregen sollten, das interessiert sie nicht."
Jetzt schaute er Thomas an, der auf seinem Schoß saß:
"Warum will man als Kind Dinge tun, die man nicht tun darf, und wenn man erwachsen ist, macht man diese Dinge, obwohl man sie dann gar nicht mehr tun will?"
Das war Franziskas Stichwort: "Ich mache immer, was ich will. Jetzt und später auch."
Sie biss in ihr Brot, das sie sich gerade belegt hatte: Schokoaufstrich mit Salami und Bananenscheiben.
"Ja, das glaub ich dir. Und ob du es mir glaubst oder nicht, ich beneide dich darum", seufzte Papa: "Aber möchtest du dich wirklich mit Schlamm oder Farbe beschmieren?"
Franziska überlegte.
"Wenn ich danach in einem glitzernden blauen See baden darf, dann schon."
"Na siehst du. Das durften die Schauspieler nicht." Papa begann, etwas aufzuschreiben.
"Aber wenn wir schon über ‚gefallen‘ reden", Franziska biss wieder herzhaft in ihr Brot: "Mein Zimmer gefällt mir nicht. Lila ist uncool."
Papa runzelte die Stirn. Davon hatte er schon gehört.
"Du meinst wohl, beim Thema Farbe passt das jetzt gerade, was? Was meinst du, wieviel Arbeit es ist, ein Zimmer zu streichen? Und du wohnst erst ein paar Wochen darin. Kommt nicht in Frage."
"Ich mach es auch selbst. Du hast gar nichts damit zu tun."
"Ich muss es nur bezahlen, zum Beispiel."
Da sagte niemand mehr ‘was. Erst als Klein-Heinz aus dem ‚Ein-Strumpf-Land‘ hereinkam, in Windeseile seinen Kakao austrank, sich die leere Tasse wie eine Muschel ans Ohr legte und behauptete, er höre das Meer, schauten alle auf. Thomas nahm ebenfalls seinen Becher und hielt ihn an sein Ohr. Leider aber war der Becher noch voll und so kippte der ganze Tee über Thomas Ohr, den Hals, seinen Schlafanzug und über Papas Hose und Papas Block.
Papa und Thomas sprangen auf, der Tee war noch ganz schön warm gewesen. Franziska lachte laut auf: "Jetzt seht ihr aus wie ‚Drecki-Flecki!‘
Das war eins zuviel. Er, Thomas, hatte in der ersten Zeit im neuen Haus doch nicht zu knapp Heimweh gehabt, und wenn Flecki nicht gewesen wäre, die abgemagerte Katze aus dem Nachbarhaus, die er aufgepäppelt hatte, was wäre dann wohl geworden? Dass Franziska damit nicht aufhören konnte, mit ihrem ‚Drecki-Flecki-Gereime‘! Er stürzte auf seine Schwester und trat sie gegen ihr Schienbein. Aber das genügte noch nicht. Immer und immer wieder nannte sie seine wunderschöne ‚Flecki‘ einen ‚Drecki‘, sie musste endlich damit aufhören. Sie saß da, kaute auf dem letzten Rest ihres furchtbaren Brotes herum und tat so, als sei alles in Ordnung. Thomas stand da und ballte seine Hände zu Fäusten.
Da aber hörte er seine Flecki miauen. Sie stand vor der Terrassentür und wollte nach draußen. Thomas öffnete die Tür und Flecki lief hinaus. Hinaus in den Dreck und den Schlamm. Denn da war noch kein Garten, keine Terrasse, nur nackte braune Erde. Und da kam Thomas eine Idee: Hatte Papa nicht eben über Schlamm und Dreck gesprochen? Schlamm und Dreck. Draußen vor der Terrassentür lag es, Schlamm und Dreck, die letzten Tage im Januar hatte es geregnet, und der ganze Boden war aufgeweicht. Also bückte Thomas sich, er musste nur hineingreifen und schon hatte er, was er brauchte. Mit Händen voller Schlamm und Dreck stürzte er auf Franziska und klatschte den ganzen Schlamm und all den Dreck mit seinen beiden Händen auf ihre Haare, auf ihren Bauch.
"Ha, wer ist jetzt Drecki?", rief er.
Und da kam auch schon Klein-Heinz, auch seine Hände waren voller weicher Erde, die er ebenfalls auf Franziska schmierte. Auch an seinem nackten Fuß klebte der braune Schlamm, und auf dem Boden sah man den Abdruck seines kleinen Fußes, als wäre er auf einem Bein gehüpft.
Aber wenn Franziska auch manchmal richtig blöd war, auf den Kopf gefallen war sie nicht.
"Na so was", staunte sie, "jetzt sehe ich aus wie deine Schauspieler, Papa."
Und Papa starrte auf Franziska, auf Thomas und Klein-Heinz. So schnell war alles gegangen, Thomas Wutausbruch, die Schlammschlacht, überall lag jetzt weiche braune Erde in ihrem Esszimmer, auf dem Boden, auf dem Tisch. Und ganz langsam drehte er seinen Kopf zur Tür. Im Türrahmen stand Mama Schlottmann. Ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, setzte sie sich an den Tisch und goss sich Kaffee ein.
Alle staunten. Es war mucksmäuschenstill. Und dann sagte sie doch etwas:
"Weißt du Victor, um dir eine Schlammschlacht anzuschauen, musst du nicht einmal ins Theater gehen. Das bekommst du hier zu Hause geboten."
Zwei Tage später las Amelie allen einen Artikel aus der Zeitung vor, als sie wieder beim Frühstück saßen, es war Papas Theaterkritik über das Stück mit den farbverschmierten Schauspielern. Und da stand:
"Wenn wir das Meer rauschen hören, sind wir glücklich. Wenn uns jemand mit Schlamm bewirft, sind wir unglücklich. Und wenn jemand sagt, wir seien zu dick, sind wir auch unglücklich. Meistens ist es jedenfalls so.
Und wenn wir dann in einem Theaterstück sitzen, bei dem am Schluss alle Schauspieler im Schlamm sitzen, dann denken wir: "Ja, so ist sie, die Welt. Das will uns der Regisseur sagen." Aber vielleicht meint er etwas ganz anderes. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, mit Schlamm und Dreck beschmiert zu sein, denn plötzlich ist es egal, wer von uns schön ist, sauber oder schlank. Wir können lachen, wenn wir uns anschauen. Und irgendwo gibt es immer ein Meer oder eine Badewanne."