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Soziales: Was junge Menschen lebensfähig macht

Soziales : Was junge Menschen lebensfähig macht

Zum Artikel „Kinderarmut bleibt ein Problem“ (TV vom 15. November) schreibt Waltraud Jammers:

Für diesen Zustand, der von Werner Kolhoff sehr gut belegt ist, muss man sich in Deutschland wirklich schämen. Darf das sein, dass mehr als 15 Prozent aller Kinder in unserem Land armutsgefährdet sind?

Es geht doch seit 1945 wirtschaftlich fast immer nur bergauf? Es gibt doch jetzt überall mehr Geld für Krippen und Kindertagesstätten? Ja! Aber die Undurchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten hat genauso zugenommen! Die Vermögen, die erwirtschaftet wurden, bleiben in den wohlsituierten Gruppen und werden dorthin weitervererbt. Einhergehend damit auch Ansehen, Kultur, Selbstverständnis und Lebenstüchtigkeit. Mit dem Vermögen werden also viele Werte weitergegeben: Sicherheit und Selbstsicherheit, Neugier, Wissensdurst, alles was junge Menschen lebensfähig macht und die Persönlichkeit stärkt.

Aber Armut vererbt sich ebenso: Die Schulden der Älteren, schwierige Beziehungen in einer Familie, in der Partnerschaft, Erkrankungsneigung, Unsicherheiten, Mangel an Selbstvertrauen und an Lebensmut. Eigentlich ist das nichts Neues, denn in vielen Studien sind die  Konsequenzen von Wohlsituiertheit oder Armut dargestellt. Was aber folgt daraus? Jeder, dem es gutgeht, kann sich die Frage stellen: Kann ich nicht für ein Kind oder für eine Familie mit einem Kind eine persönliche Patenschaft übernehmen? Kann ich eine verlässliche dauerhafte Beziehung aufbauen,  damit Vertrauen wachsen kann und dann etwas ganz Neues und Überraschendes entsteht? Vielleicht dauert es Jahre, bis da etwas sichtbar wird. Aber Intelligenz und Liebenswürdigkeit sind bei Kindern und jungen Menschen vorhanden, unabhängig von der sozialen Schicht. Und das ist höchst befriedigend zu entdecken: Lebendigkeit, Kreativität und Lebensneugier werden Energien befördern, die unsichtbar waren. Es werden Fähigkeiten geweckt, die niemand erwartet hatte. Ich wünschte, dass sich viele Menschen auf dieses „Abenteuer“ einlassen. Da werden sie die Kinder der anderen verändern, aber auch selbst verändert heimkehren.

Waltraud Jammers, Trier