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Wenn das kleine Schweinchen oinkt

Wenn das kleine Schweinchen oinkt

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Helmut Graf aus Wellen schreibt zur Berichterstattung über die RTL-Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!": Mit "Freude" habe ich im TV die neuesten Wasserstandsmeldungen über die ach so armen sogenannten Stars gesehen (nicht gelesen). Wer über diesen Schwachsinn auf dem Laufenden bleiben will, soll sich das von mir aus im Fernsehen anschauen. Aber ist sich der TV nicht zu schade, um im Kultur teil dafür "Werbung" zu machen? Ich denke, es gibt wichtigere und interessantere Themen, über die sich zu berichten lohnt.

Lieber Herr Graf,

vielen Dank für Ihre Mail. So zuverlässig wie die Ausstrahlung des Dschungel-Camps im Privatsender RTL ist die Empörung darüber, alle Jahre wieder.

Die Urwald-Gaudi: ein trauriger Tiefpunkt der Fernseh-Geschichte, zynisch, menschenverachtend, saudoof, so scharfrichtern die Feingeister und Kakerlakenkostverächter. Ach was, entgegnen die Macher: Täglich schalten acht Millionen Fans ein und ergötzen sich an der schrillen Radau-Schau. Gebt dem Volke, was des Volkes ist, wir amüsieren uns zu Tode.

Gestern Dschungel-Camp gesehen? Das Affentheater aus dem australischen Busch beherrscht die Tagesgespräche wie sonst nur eine Fußball-WM. Beim Friseur, in der Kantine, auf dem Schulhof. Offenkundig ein gesellschaftliches Ereignis - mithin Grund genug, zu hinterfragen, was da vor sich geht.

Meine Meinung: Das Dschungel-Camp ist Müll, sogenannte Trash-Kultur. Derlei ist allgegenwärtig. Die Deutschen verbringen den halben Tag mit Medien aller Art. Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke, Mobil-telefone, Radio, Zeitungen, Computerspiele. Das ist die Welt, in der wir leben, das ist die Welt, mit der sich Journalisten als Beobachter und Chronisten auseinandersetzen. Ob man es mag oder nicht: Der Müll gehört dazu. Daher wird berichtet. Mal unterhaltsam auf den bunten Seiten, mal kritisch im Feuilleton. Von FAZ bis taz, von "Zeit" bis "Spiegel" - und hin und wieder auch im Volksfreund.

Die Show sei ein Labor, in dem das Fernsehen seine Grenzen testet, doziert Harald Staun in der FAZ. "Exemplarisch werden dort Strategien erprobt, wie sich persönliche Identitäten und Lebensmodelle ganz allgemein unter den Bedingungen medialer Kontrolle gestalten lassen, die längst auch außerhalb dieses speziellen Camps gelten." Aha.

Die gruppendynamischen Prozesse, die Charakterstudien seien lehrreich, meint "Spiegel"-Autor Stefan Kuzmany: "Diese Sendung bildet beispielhaft aktuelle Zustände und Konflikte unserer Gesellschaft ab." So, so.

In der "Süddeutschen" gesteht Willi Winkler: "Von draußen hat es natürlich den nicht geringen gesamtgesellschaftlichen Reiz, dass bei den schwitzenden Teilnehmern irgendwann doch die Wirkung selbst der eigenvermarkteten Cremes nachlässt und unterm Hemd das kleine zartrosa Schweinchen hervor oinkt, das wir im Grunde unseres Herzens alle sind." Yep!

Wenn Bertolt Brecht noch leben würde, hätte er sich die Inszenierung sicher angesehen, sinniert Nadja Alexandra Mayer in der taz. Denn die Show sei großes Drama. "Wir sind Dschungel", jubelt der Urwald-Experte des Magazins V.i.S.d.P. und spricht von einer neuen Leitkultur. "Unterhalten ohne Sinn und Ziel, ein Merkmal von Privatfernsehen, das ja keinen Bildungsauftrag zu erfüllen hat - das hat RTL perfektioniert."

Fazit: Das Ganze ist geistiger Dünnpfiff, fasziniert aber viele Menschen - ein Spiegelbild der Gesellschaft und deshalb auch ein Thema in Zeitungen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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