Werte neu definieren

Es ist doch immer wieder erstaunlich: Obwohl gesellschaftliche Probleme offensichtlich sind, bedarf es erst einer wissenschaftlichen Untersuchung, deren Ergebnisse nur halbherzig verheimlicht werden, bis ein Aufschrei durch den deutschen Blätterwald geht und die Öffentlichkeit hellhörig wird.

Ob wir nun über Schichten (hier: die "Unterschicht") oder über das abgehängte Prekariat sprechen, an Einzelbeispielen werden die Probleme deutlich gemacht. Wir haben es in Deutschland mit einem gesellschaftlichen Wertewandel zu tun, den Einzelne, aber auch zunehmend bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr nachvollziehen können. So genannte Klassenunterschiede hat es in der Vergangenheit schon gegeben. Aber im Unterschied zu heute hatte die Arbeiterklasse Selbstvertrauen und konnte sich mit ihrer Rolle identifizieren. Das ist heute anders. Die Klasse der Arbeiter gibt es nicht mehr. Die klassischen Arbeiterberufe werden hier kaum noch benötigt. Dem "einfachen" Arbeiter ist weitgehend die traditionelle Existenzgrundlage entzogen worden. Das hat in den vergangenen 20 Jahren verstärkt zu einem steten Anstieg der Arbeitslosenzahlen geführt. Das führte auch dazu, dass wir heute viele Langzeitarbeitslose haben, die kaum noch vermittelbar sind. Viele Betroffene fühlen sich nicht mehr gebraucht. Das hat negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die Familie leidet darunter. Welche Werte soll ein Vater dem Sohn vermitteln, wenn ihm selbst die Chance genommen wurde, als Vorbild zu agieren? Der nächste Schritt, sich als "globaler Verlierer" zu fühlen, ist dann nicht mehr fern. Acht Prozent der Bevölkerung sehen sich in der Rolle des Abseitsstehenden. Das ist erschreckend, mit allen Konsequenzen! Viele der jetzt vorgetragenen Vorschläge mögen ehrenwert und gut gemeint sein, wie die Aussage vom Bischof Marx, dass es zu wenig Arbeitsplätze für sozial Schwache gebe. Aber leider ist das kein Lösungsvorschlag! Es hilft überhaupt nicht, in tradierten Bahnen zu denken. Es muss eine Diskussion innerhalb der Gesellschaft stattfinden, die zum Ziel haben sollte, Werte neu zu definieren. Und es müsste jedem deutlich gemacht werden, dass dies ein Prozess sein wird, der Jahre dauert. Vollbeschäftigung werden wir nicht mehr bekommen. Aber es muss uns gelingen, dem Einzelnen und den am Rande der Gesellschaft stehenden Gruppen ein Gefühl zu geben, gebraucht zu werden und Teil der Gemeinschaft zu sein. In welcher Form auch immer, Lohnarbeit allein wird es nicht mehr sein können. Bradley Niemann, Reinbek