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Leserbriefe: Wie ein riesiger Kochtopf

Leserbriefe : Wie ein riesiger Kochtopf

Zum Artikel „Eine Region steht unter Strom“ (TV vom 10. November) und zum Leserbrief „Probleme, Konflikte, Zweifel“ (TV vom 2./3. Dezember) meint Stefan Dewald:

Mitnichten ist die Energiewende, die übrigens von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gewünscht und gefordert wird, bereits vollzogen oder deren Ende abzusehen. Nach wie vor beruht unsere Stromversorgung zu großen Teilen auf konventionellen Energien, ganz zu schweigen von einer noch gar nicht spürbaren Wende in den Sektoren Wärmebereitstellung und Verkehr.

Anja Harms bezweifelt, dass erneuerbare Energien Atomkraftwerke ersetzen können. Dass sich der Leistungsanteil der Kernkraftwerke nach dem Fukushima-Unglück von ehemals circa 17 Gigawatt auf den heutigen Wert von circa 6,5 Gigawatt reduziert hat, scheint sie zu ignorieren. Zugegeben, ein Teil dieser Minderleistung wird durch den gestiegenen Anteil der Braunkohleverstromung ersetzt. Der Betrieb der Braunkohlekraftwerke hat zur Folge, dass die volatilen Energien Wind und Solar in Abhängigkeit zur geforderten Last zu einer Überdeckung im System führen können. Weil elektrische Stromerzeugung und Verbrauch sich in Echtzeit die Waage halten müssen, sind wir gezwungen, den Strom zu exportieren, oder, noch blöder, die erneuerbaren Anlagen abzuregeln, während wir gleichzeitig die Betreiber für den Ertragsausfall über die EEG-Umlage entschädigen.

Es zeigt sich, dass die Integration der Erneuerbaren in das klassische Stromsystem nicht funktioniert, sofern an diesen nicht oder nur schlecht regelbaren Erzeugungseinheiten festgehalten wird. Doch deshalb den Kopf in den Sand stecken und zusehen, wie sich unser Planet wie ein riesiger Kochtopf immer erwärmt und deshalb der gesamten Menschheit ungeahnte Folgen drohen? Nein, es gilt hier intelligente Lösungen zu finden, um ohne Raubbau an der Natur die zur Verfügung stehenden Energieformen bestmöglich auszunutzen.

Ein erster Schritt bestünde in der Verstetigung der Erzeugung aus Wind- und Sonnenenergie durch Speicherung und einem weiteren zügigen Ausbau beider Energiequellen. Die Lernkurve in der Photovoltaik zeigt, das sich Speichertechnologien innerhalb kurzer Zeit dramatisch verbilligen könnten, sofern politischer Wille eine Markteinführung begleitet. In weiterem Verlauf des Ausbaues Erneuerbarer wird es neben chemischen Speichern  auch die Produktion von speicherbarem Gas aus Überschuss-Energie (PTG) erfordern, um einen Ausgleich bei der allseits beliebten „Dunkelflaute“ (gibt es dieses Wort überhaupt?), also bei naturgegebenem Ausbleiben von Wind- und Solarstrom, zu erreichen. Selbst wenn der Umbau temporär zu etwas höheren Kosten führt, so steht doch am Ende eine (fast) kostenlose Erzeugung. Wenn wir das Ganze als Riesenchance begreifen, um mit entsprechenden Technologien eine führende Rolle in der Welt einnehmen zu können und es nicht wieder leichtfertig herschenken wie seinerzeit mit der Produktion von Solarmodulen.

Stefan Dewald, Osburg