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"Wir gehen anders raus, als wir hergekommen sind"

Carmela Donisi gewinnt durch das Klettern ein Stück Lebensqualität zurück. Foto: Thomas Reinhardt
Carmela Donisi gewinnt durch das Klettern ein Stück Lebensqualität zurück. Foto: Thomas Reinhardt
Klettern kräftigt die Muskulatur und stärkt die Psyche. Immer häufiger wird die Sportart daher als Therapie angewandt. In Saarbrücken treffen sich regelmäßig Patienten mit Multipler Sklerose und wachsen über sich selbst hinaus.

Carmela Donisi lässt ihren Rollator stehen. Mit kleinen Schritten und ohne sich irgendwo festzuhalten, nähert sie sich der Kletterwand. Dann greifen ihre Hände nach den bunten Griffen, und los geht\'s, immer höher und höher. Langsam, aber dafür um so sicherer setzt die junge Frau ihre Füße auf die Tritte und klettert mit aller Kraft nach oben. Doch so leicht wie heute kam Donisi nicht immer die Wand hoch. In knapp zwei Jahren hat sie sich diesen Fortschritt mühsam erarbeitet.
Die Saarbrückerin leidet an Multipler Sklerose (MS) und bewegt sich im Alltag oft sogar mit dem Rollstuhl fort. Doch das hält sie nicht davon ab, regelmäßig ins Kletterzentrum nach Saarbrücken zu fahren und ihren Sicherungsgurt anzulegen. "Als ich das erste Mal hier war, mussten zwei Trainer mit mir klettern und meine Füße auf die Steine stellen. Ich wäre alleine kein Stückchen nach oben gekommen", erinnert sich Donisi. Mittlerweile klettert sie selbstständig und vor allem aus eigener Kraft. Erste Fortschritte hätten sich schon nach kurzer Zeit eingestellt, erzählt die Saarbrückerin weiter. So hätten sich ihre Stabilität und der Gleichgewichtssinn verbessert und sie könne ihre Beine wieder besser bewegen.
"Klettern kräftigt die Muskulatur, fördert die Muskelspannung und kann Spastiken entgegenwirken", erklärt Eric John. Er ist Ergotherapeut und Klettertrainer. Seit Mai 2011 betreut er das therapeutische Klettern, das die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft Saar ins Leben gerufen hat. Alles begann mit einem Probetraining, doch seit Anfang 2012 treffen sich die Teilnehmer regelmäßig. "Klettern ist ein komplexer Sport, der sich auf viele MS-Patienten positiv auswirkt", sagt John. Letztendlich müsse aber ein Arzt individuell entscheiden, ob sich der Sport für den Patienten eignet. Auch wenn es bisher nur wenige Studien gibt, die den Erfolg des therapeutischen Kletterns wissenschaftlich belegen, ist sich Eric John sicher: "Klettern hilft MS-Kranken auf jeden Fall. Alle Teilnehmer der Gruppe haben sich schnell weiterentwickelt."
Dennoch betont der Therapeut, dass Klettern nicht die Therapie ersetzt, sondern lediglich unterstützt und ergänzt. "Bei uns steht der Spaß im Vordergrund", sagt John. So seien die psychischen Auswirkungen des Sports oft wichtiger als die körperlichen. "Die Patienten merken, dass sie doch noch in der Lage sind, gewisse Bewegungen durchzuführen. Das lässt sie selbstbewusster und selbstsicherer werden", erklärt er.
Dem stimmt auch Gabi Kläsner zu; sie ist ebenfalls Mitglied in der MS-Klettergruppe und beschreibt ihre Gefühle an der Wand: "Manchmal möchte ich am liebsten aufhören, aber ich kämpfe weiter. Wenn ich dann wieder festen Boden unter mir habe, bin ich zwar erschöpft, aber glücklich." Diese Zufriedenheit und die Erfolgserlebnisse stärken auch das Selbstvertrauen in den eigenen Körper. Gabi Kläsner sagt: "Man traut sich auch im Alltag wieder mehr zu. Wir gehen hier einfach anders raus, als wir hergekommen sind." np
Das therapeutische Klettern für MS-Kranke findet alle 14 Tage immer freitags von 15 bis 17 Uhr im Kletterzentrum Saarbrücken in der Mainzer Straße 30 statt. Interessierte können sich bei Sylvia Schöneich für ein Schnuppertraining anmelden.
E-Mail-Adresse:
sylvia.schoeneich@t-online.de.