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Politik: Wunderbarer Kapitalismus

Politik : Wunderbarer Kapitalismus

Zum Kommentar „Kühnerts Schuss geht für die SPD nach hinten los“ (TV vom 3. Mai) schreibt Peter Trauden:

„Kühnerts Schuss hat gesessen“ – so hätte ich einen Kommentar zu dessen Thesen überschrieben. Der Juso-Chef hat mit sicherem Instinkt die Spreu vom Weizen seiner Partei getrennt. Sein Kollege Johannes Kahrs vom Seeheimer Kreis blafft aufgeschreckt „Was hat der denn geraucht?“

Der hat nichts geraucht, der hat einfach mal gesagt, was seine Partei endlich wieder werden sollte, nämlich die der Arbeiter, der sogenannten kleinen Leute. Klar, der Kapitalismus funktioniert, die Wirtschaft brummt, und die Konzerne schreiben tiefschwarze Zahlen. Nur fallen dabei immer mehr Menschen in prekäre Verhältnisse. Die, die einen festen Arbeitsplatz haben, werden sich nicht beklagen, aber was ist mit denen, die seit Gerhard Schröders „Sozial“-Reformen durch den Rost gefallen sind? Die sich seit Jahren in der Hartz-IV-Falle befinden, die trotz Mini-Jobs ihre Familien nicht anständig durchs Leben bringen können, die mit ihrer Rente so gerade eben ihre Miete zahlen können und fürs warme Essen bei den Tafeln anstehen müssen?

Auch das sind Ergebnisse dieses wunderbaren Kapitalismus.

Darf noch daran erinnert werden, dass 2008 der Steuerzahler für das hemmungslose Zocken der Banken geradestehen durfte? Damals gehörten den Bürgern plötzlich die Banken – freilich nur für die kurze Zeit der Rettung. Dass genau diese Banken genau diese Steuerzahler mit ihren  Cum-Ex-Geschäften schon wieder um Milliarden betrügen und Ex-Finanzminister Schäuble diesem schändlichen Treiben sehr, sehr lange ungerührt zuschaute, schafft nicht eben Vertrauen in die Politik. Dass Krankenhäuser inzwischen wie Kapitalgesellschaften geführt und die Patienten in Klassen eingeteilt werden, zeugt nicht wirklich von sozialer Verantwortung. Dass sämtliche Verkehrsminister, einschließlich des aktuellen, ihre schützende Hand über die Dieselbetrüger hielten und weiter halten, stärkt nicht gerade das Rechtsempfinden der übers Ohr gehauenen Autokäufer.

Dass Andreas Scheuer am lautesten gegen Kühnert wettert und ihn als „irre“ bezeichnet, ist da nur logisch.

Nein, diejenigen in der SPD, die jetzt in diesen Chor der Entsetzten einstimmen, waren und sind genau die, die ihre Partei in den Abgrund geführt haben. Besonders der Seeheimer Kreis, der um der schönen Pöstchen willen seit jeher die Ideale seiner Partei verrät und das mit Pragmatismus verwechselt, würde keinem aufrechten Sozialdemokraten fehlen, sollte er plötzlich verschwinden.

Kevin Kühnert und die Jusos scheinen derzeit die Einzigen zu sein, die gemerkt haben, dass nur noch ein radikaler Schwenk hin zu den Anliegen der Benachteiligten dieses aus den Fugen geratenen Kapitalismus helfen kann. Schade, dass Martin Schulz seinerzeit nicht den Mumm aufbrachte, sein Eintreten für mehr Gerechtigkeit ebenso klar zu formulieren, stattdessen folgte er den Seeheimern.

Das Ergebnis kennen wir.

Peter Trauden, Heilbach