Wut und Trauer

Zum Artikel "Geistig Behinderte künftig an Gymnasien" (TV vom 2. Dezember):

Diese Schlagzeile im TV löste bei mir Wut und auch Trauer aus. Will man mich auf den Arm nehmen, schoss es mir durch den Kopf. Ich bin Mutter einer geistig behinderten Tochter und erlebe Tag für Tag, wo mein Kind gefördert wird und wo es sich wohlfühlt: nämlich dort, wo es nicht ständig seine Defizite vor Augen hat, sondern sich in einem geschützten Raum entfalten kann und seine Stärken erfährt. Dies ist in einer Förderschule, in der es exakt zugeschnitten auf seine Bedürfnisse gefördert wird. Es geht dabei um ein Zurechtkommen mit den alltäglichen Dingen des Lebens, mit dem Versuch, Behinderte für ein möglichst eigenständiges Leben starkzumachen.

Dazu gehören das Schuhebinden, sich eigenständig anzuziehen, eine Straße zu überqueren oder einkaufen zu können; ebenso der Umgang mit Zahlen und Buchstaben - in Kleingruppen, zugeschnitten auf die individuellen Fähigkeiten eines jeden Kindes. Warum soll dieses Lernen an ein Gymnasium verlagert werden, wo sämtliche Voraussetzungen dafür fehlen? Wo ist der wahre Gewinn für ein behindertes Kind? Integration ist wichtig. Funktionieren kann sie aber nur dann, wenn sie nicht auf Kosten der Förderung behinderter Kinder erfolgt.

Wichtiger wäre es, dafür zu sorgen, dass Förderschulklassen nicht überbelegt sind, dass es für Eltern ausreichende und finanzierbare Unterstützung in der Freizeit gibt, dass genügend Wohnplätze für Behinderte geschaffen werden (zurzeit Wartezeiten bis zu sechs Jahren).

Noch wichtiger wäre ein vielfältiges Angebot an Arbeitsplätzen für diese jungen Menschen. Hier wäre Geld gut angelegt, und hier wäre Kindern und Eltern geholfen. Ein Umdenken im Umgang mit geistig Behinderten in unserer Gesellschaft lässt sich nicht durch die "Mogelpackung Gymnasium" erkaufen.

Margret Stommel, Traben-Trarbach

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