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leserbriefe
Zerstörerisch und grausam

Zum Artikel „Bistum Trier: Wir haben Missbrauch jahrelang vertuscht“ (TV vom 26. Sept.) und weiteren Beiträgen zum Thema schreibt Dr. Michael Rolffs:

Menschen sind so, wie sie sind. Es gibt die guten, es gibt die schlechten. Auch katholische Priester bilden bei dieser Erkenntnis keine Ausnahme. Man sollte auch nicht zu früh den Stab über jemanden brechen, „denn wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“.

Ich möchte aber gerne jedem guten Christenmenschen in Erinnerung rufen, dass es sich bei sexuellem Missbrauch um eine Straftat handelt, die auch entsprechend strafrechtlich be- und verurteilt werden sollte. Dies sollte auch der Kirche, ihren Priestern, Bischöfen und Kardinälen, ja selbst dem Papst klar sein und nicht dazu führen, dass man Kirchenrecht vor das Strafrecht stellt und Straftatbestände vertuscht.

Die Verletzungen, die ein sexueller Missbrauch entstehen lässt, sind äußerlich nicht erkennbar. In der Gefühls- und Gedankenwelt der Opfer wirken sie nachhaltig zerstörerisch, grausam, mit Wunden, die in nicht wenigen Fällen ein Leben lang nicht heilen.

Ich verfolge das Thema des Missbrauch als Psychiater und Psychotherapeut seit vielen Jahren. Auf der einen Seite bin ich dankbar dafür, dass dieses Thema mittlerweile in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird und wir gemeinsam  weniger wegschauen als noch vor 20 Jahren. Auf der anderen Seite bin ich enttäuscht, traurig, aber auch wütend, wie mutlos die Kirche mit diesem Thema umgeht. Die erste in Auftrag gegebene Studie unter Leitung von Prof. Christian Pfeiffer wurde seinerzeit vom Auftraggeber, der Kirche, wieder gestoppt, weil man offensichtlich die dabei gefunden Fakten für zu brisant erachtete. Auch die jetzige Studie, die auf der Bischofskonferenz in Fulda vorgelegt wurde, hält fest, dass die Daten vielfach durch Kirchenbedienstete erhoben wurden und somit kein unabhängiger, eigenständiger Einblick der Untersuchungskommission in die Kirchenarchive möglich war, von der hohen Dunkelziffer der Missbrauchsfälle, die angenommen werden muss, ganz zu schweigen.

Wenn wir dies zur Kenntnis nehmen, stellt sich doch die Frage nach den moralischen, ethischen, humanistischen, aber auch juristischen Haltungen, die bei denjenigen vorliegt, die hier Verantwortung trifft oder die diese übernehmen wollen.

Apropos Verantwortung: Wie soll diese aussehen, wenn der Trier Bischof Ackermann selbige übernehmen will? Steht es nicht in seiner Verantwortung als Missbrauchsbeauftragter, dafür einzutreten, dass lückenlos aufgeklärt wird? Hat nicht die Kirche die Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass Opfer die Behandlung bekommen, die sie benötigen und nicht mit einem Geldbetrag in Höhe von 5000 Euro abgespeist werden? Wäre das nicht das Mindeste, was man für Opfer, die damals Kinder waren und ihren Priestern vertraut haben, tun kann? Unter dem Strich bleibt der Eindruck, dass nicht wirklich die Bereitschaft der Kirche zur lückenlosen Aufklärung zu erkennen ist. Damit verliert Kirche an Glaubwürdigkeit und Vertrauen und letztendlich diejenigen, die Kirche ausmachen – uns, die Gläubigen.

Dr. med. Michael Rolffs, Daun