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Zur Seniorenarbeit schreibt Gertrud Werle aus Morbach:

Senioren : Mehr als Strümpfe stricken

Senioren

Zu den Artikeln „Manche möchten einfach nur reden“ (TV vom 17. Februar) und „Socken stricken für guten Zweck“ (TV vom 9. März) schrieb uns Gertrud Werle aus Morbach:

In Morbach ist große Not ausgebrochen, die Senioren wurden schon dreimal aufgerufen „Socken zu stricken,“ damit die Beraterinnen vom Geheischnis, diese an ihre Klienten weitergeben können. Und wie geht es weiter? Werden die Strickerinnen dann von den Beschenkten angerufen, erhalten sie eine E-Mail mit der Möglichkeit, weiter in Kontakt zu bleiben, werden nach Corona weitere persönliche Kontakte möglich?

Im Mitteilungsblatt der Gemeinde wird die Aktion „KIRFAM Morbach“ vorgestellt (Ich bin ein Kind und habe Rechte). Dabei wurde mir bewusst: Ich bin ein Senior und habe Rechte. Gerade in der Corona-Zeit wurde viel über die zu schützenden alten Menschen gesprochen, nicht aber mit ihnen. Sie wurden eingesperrt, durften keine persönlichen Kontakte haben, durften nicht spazieren gehen, nicht zum Seniorensport, nicht zum Seniorentanz, sie wurden wie fast alle in ihren Rechten beschnitten.

Wir Senioren halten uns auch an die Hygiene-Vorschriften, tragen Masken, halten Abstand, aber ja, wir sind einsam, darüber hilft der Vorschlag „Socken zu stricken“ nicht hinweg. Wir wollen auch reden, aber nicht nur – wie der Titel über den Bericht im Trierischen Volksfreund lautet.

Die Notfalldosen könnten längst bei jedem Senior im Kühlschrank stehen, sofern er noch einen besitzt, wenn der Seniorenbeirat für die Verteilung Sorge getragen hätte. Der Seniorenbus ist seit Monaten eingestellt, wie sollen die Senioren denn zum Arzt, zur Impfung, zum Test kommen?

Mit einem Tablet, das jetzt jedem Schulkind zur Verfügung gestellt werden soll, könnten mit wenig Aufwand soziale Netzwerke, Spiele Apps, E-Mails, Information zu allen Interessengebieten erfahrbar gemacht werden, und so Phasen der Einsamkeit überwunden und gleichzeitig das Gehirn trainiert werden.

Mit digitalen Einführungskursen über den Umgang mit der digitalen Welt könnten die notwendigen Kenntnisse an die Senioren vermittelt werden. Senioren könnten damit mehr Selbstständigkeit bewahren und die Einsamkeit überwinden. Sie könnten mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, ihre Erwartungen an die Gesellschaft darstellen und ihre Rechte vertreten. Sie könnten auch an der Erstellung eines Senioren Netzwerkes beteiligt werden.

Für mich stellt der dritte Aufruf zum Socken stricken eine Demütigung/Diskriminierung dar. Ich will nicht dargestellt werden als Senior, der nur Strümpfe strickt, auch nicht als Mensch, der einfach nur reden will. Diese Einstellung ist, für mich weit weg von „Geheischnis mit Wohlfühlcharakter“. Es gibt weit bessere Möglichkeiten, von denen ich hier einige anregen wollte.