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Katholische Kirche: Zynisch

Katholische Kirche : Zynisch

Zu einem Leserbrief unter der Überschrift „Warum diese Aufregung?“ (TV vom 27. November) schreibt Marzelluns Boos:

Leserbriefschreiberin Angela Dost-Petry appelliert an die Opfer priesterlichen Missbrauchs mit den Worten: „Vergebt denen, die euch Böses getan, denn sie wissen nicht, wussten nicht, was sie getan.“ Ein solcher Wort-zum-Sonntag-Hinweis auf die „Christenpflichten“ der Opfer ist zynisch und unangebracht. Genauso unangebracht ist es, in der öffentlichen Debatte das Fehlverhalten der Kirchenmänner gegenüber „Schutzbefohlenen“ auf sexuellen Missbrauch zu beschränken.

Der Klerus zeigt sich beim Thema sexuelle Übergriffe von Priestern an Schutzbefohlenen inzwischen demonstrativ zerknirscht und reumütig, während man beim Thema exzessiver physischer und psychischer Gewalt von Gottesmännern an Kindern nach wie vor den Ball flach hält? Mit Blick auf die ganz „normalen“ Gewaltopfer katholischer Priester ist das völlig inakzeptabel. Schaut man sich die Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung und das lebenslange Leiden der Prügelopfer an, dann gibt es bezüglich der Langzeitwirkungen solcher priesterlicher Schändlichkeit keine nennenswerten Unterschiede. Probleme in der Identitätsentwicklung, lebenslange Selbstwertprobleme, Panikattacken und Angstzustände, Vertrauensprobleme in Beziehungen, Misstrauen in andere Menschen, Schlafstörungen, Albträume, Stimmungsschwankungen, Essstörungen, Depressionen, Scham- und Schuldgefühle, Verzweiflung, Ohnmacht, schwer zu kontrollierende Aggression, Wut und Rachegedanken, Depressionen, Suizidgedanken, psychosomatische Symptome ... Die psychologische Diagnose ist bei beiden Opfergruppen identisch.

Marzellus Boos, Pulheim, ehemaliger Internatsschüler am Albertinum Gerolstein