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Das Trierer Bistum hat komplett versagt

Katholische Kirche : Das Trierer Bistum hat komplett versagt

Zu unserem Artikel „Missbraucht. geschlagen, erniedrigt  – Grausiges geschah im Internat” (TV vom 22. Oktober) schreibt Marzellus Boos, Nettersheim-Marmagen:

 Eine Schlagzeile, eine lange Liste unschöner Beispiele für Gewalt an Kindern und ein „positiver“ Bischof, ein Zwischenbericht halt, bestenfalls von historischem Interesse. Strafrechtlich relevant davon ist nichts mehr. Und er dringt nicht zum Grund des Übels Albertinum vor. Ich habe das komplette Dokument gelesen und sehe genau das bestätigt, was ich befürchtet habe. Wenn man das, was man in dem Gerolsteiner Knast erlebt hat, in die Sprache der Wissenschaft transponiert, dann nimmt man den Ereignissen das Entsetzliche. Die historische Distanz wirkt zusätzlich verharmlosend.

Auch die Zitierungen in dem Bericht, durchsetzt mit sprachlichen Regionalismen, wirken sehr relativierend. Sie spiegeln die Empörung der Opfer nur unzulänglich, und aus dem Blickwinkel eines Unbeteiligten möchte man ihnen zurufen: „Stellt üch net esu aan!“

Was die Wissenschaftlerinnen betrifft, habe ich keinen Zweifel an deren Ernst und Integrität. Von ihnen wird erwartet, das Geschehen völlig unemotional und unparteiisch aufzuarbeiten, und das tun sie, soweit ich das beurteilen kann, tun sie es auch gut.

Was das Bistum und seinen Hirten betrifft: Tolle Ablenkungsstrategie! Demütigungen, Misshandlungen, sexuelle Übergriffe kann man wunderbar auf das Abstellgleis des sündigen Einzeltäters schieben und die eigenen Hände in Unschuld waschen. Man sucht nach Motiven für die exzessiv ausgeübte Gewalt im schlechten Charakter der Erzieher, im sexuellen Notstand der zölibatären katholischen Priester, in einer sadistischen Veranlagung oder was auch immer.

Der entscheidende Punkt in dem Albertinumskandal ist aber die Rolle des Bistums. Der Bischöfliche Stuhl zu Trier muss sich seiner Verantwortung stellen, dass er im Fall des pädagogischen Personals für das Albertinum gegeizt hat. Eine Gruppe von über 80 9- bis 19-Jährige kann man nicht in die Erziehungsverantwortung von nur zwei Männern geben, die weder über die charakterliche Eignung noch über eine Ausbildung als Erzieher verfügten. Das ist der eigentliche Grund des Übels.

Die „Aggression“ der Priester, die ich als Internatsdirektoren erlebt habe, ist das Resultat einer hoffnungslosen Überforderung. Gewalt, die Herabsetzungen, der Freiheitsentzug, das Fehlen menschlicher Zuwendung, der gefängnishafte und anregungslose Tagesablauf, die mangelnde Unterstützung bei schulischen Problemen, die gänzlich fehlende individuelle Förderung der anvertrauten Kinder, der Hospitalismus der Internatler, die Stigmatisierungen der „Knastler“ im staatlichen Gymnasium und im Gerolsteiner Umfeld sind die direkte und vorhersagbare Folge dieser bischöflichen Personalpolitik.

Auch vor dem Zeithintergrund der 60er und 70er Jahre  ist eine solche Personalausstattung einer „Erziehungseinrichtung“ mit nichts zu entschuldigen. Sogar unmittelbar nach dem Krieg war der Personalschlüssel für das Albertinum höher als in den neun Jahren, in denen ich aus ziemlich traurigen familiären Gründen in dieser Einrichtung „beaufsichtigt“ wurde.

Das Schutzbedürfnis des Kindes, dem als Grundrechtsträger eine eigene Menschenwürde und ein eigenes Recht auf Entfaltung und Förderung seiner Persönlichkeit zukommt, stand auch schon damals außer Frage. 

Das Bistum und seine jeweiligen Hirten müssen  sich bis heute vorwerfen lassen, dass sie diese Grundrechte für uns „Knastler“ faktisch außer Kraft gesetzt haben. Als Heimaufsicht hat das Bistum als Träger der Einrichtung komplett versagt. Das nicht anzuerkennen ist auch Vertuschung. 

Für die Opfer der katholischen Kaspar-Hauser-Erziehung hatte das  unter anderem seelische und psychosomatische Störungen zur Folge, Beziehungsstörungen, soziale Auffälligkeiten bis hin zur Kriminalität, Leistungsversagen, schwere Identitätsprobleme, Alkoholismus, Drogenprobleme, selbstverletzendes Verhalten, Suizid.

Mein Bruder zum Beispiel hat ein Leben lang an schweren Depressionen gelitten und sich 2016 das Leben genommen. Ursache waren die schweren Traumatisierungen, die er im Gerolsteiner Knast erlitten hat und derentwegen er sein Leben lang in psychologischer Behandlung war. Wenn der Herr Bischof aufarbeiten will, dann muss er sich endlich mit den Schicksalen der Opfer von kirchlicher Gewalt beschäftigen.