1. Meinung

Die De-Professionalisierung des Berufs hat lange Tradition

Pflege : Die De-Professionalisierung des Berufs hat lange Tradition

Zu unserem Artikel „Mini-Serie macht Werbung für einen Beruf“ (TV  vom 13. Oktober) meint Karin Herrmany-Maus, Hupperath:

In dem Artikel berichtet der Trierische Volksfreund über die fünfteilige Serie des Bundesfamilienministeriums, die am 12. Oktober gestartet ist. Über diese Kampagne schreibt der TV lediglich, dass sie Werbung machen solle, damit mehr Menschen den Pflegeberuf ergreifen.  Jedoch quillt seit dem Starttermin das Netz vor Empörung über. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe als größter Berufsverband hat sich bereits von dieser Darstellung des Berufes distanziert, die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz spricht von einem verzerrten Berufsbild.

Die Online-Petition von Ludwig Montag fordert den Stopp der Kampagne und kann bereits nach kurzer Zeit über 11 000 BefürworterInnen zählen.

Ich möchte nicht auf das Ende der Petition warten und die Kritik, welche Verbände und Kammern bereits eindrücklich äußern, um die Perspektive einer angehenden Pflegewissenschaftlerin erweitern. Das Ministerium beteuert, es handle sich um eine bewusste Verzerrung der Realität zur Generierung von zielgruppenspezifischer Aufmerksamkeit. Eine Verzerrung der Realität in Pflege und Medizin kennen wir bereits aus zahlreichen Serien, wo je nach Machart Beziehungen innerhalb des Kollegiums, herzzerreißende Schicksale oder komödiantische Aspekte im Vordergrund stehen. Ob man dabei von ‚Werbung‘ für die fachlichen Aspekte der jeweiligen Berufe sprechen kann, erscheint äußerst fragwürdig, schließlich handelt es sich dabei um mehr oder minder gute Unterhaltung. Neben der bereits geäußerten Kritik zur völlig banalisierten Darstellung von Ausbildung, Berufsbild und -ethos soll an dieser Stelle vor allem der janusköpfige Umgang der politischen EntscheidungsträgerInnen mit der sich entwickelnden Profession Pflege deutlich gemacht werden. Bezeichnend dafür ist der Umstand, dass die Miniserie „Ehrenpflegas“ und die ersten grundständigen Pflegestudiengänge im selben Jahr gestartet sind. Die De-Professionalisierung des Pflegeberufes hat in der Politik schon lange Tradition. So meinte bereits Norbert Blüm 1998 „Alte Menschen pflegen kann jeder“ (Die ZEIT, 22/1998). Mit dem Pflegeberufegesetz 2020 wurden zwar die normativen Anforderungen an den Beruf erhöht, das Zugangsniveau jedoch nicht – es wurde vielmehr auf europäischer Ebene dafür gekämpft, dieses NICHT zu erhöhen. Es finden sich sozialepidemiologische Inhalte mit Blick auf kommunale und gemeindenahe Pflege, konkrete Arbeitsfelder gibt es bisher jedoch kaum. Mit der generalistischen Grundausbildung nähert man sich anderen Professionen wie der Medizin an, ein anschließendes Spezialisierungssystem zur Bildung und Vertiefung settingspezifischer Expertise wurde jedoch nicht angedacht.

Das Bundesministerium für Gesundheit bezeichnet Pflege als Heilberuf, dennoch existieren keine flächendeckenden Voraussetzungen, diesen Heilberuf auch selbstständig auszuüben. Die Liste der Widersprüchlichkeiten ließe sich noch um zahlreiche Punkte verlängern. Ich erlaube mir, diese Tatsachen vor dem Hintergrund der Imagekampagne „Mach Karriere als Mensch!“ folgendermaßen zu deuten: Nach außen hin gilt es, Pflege als einen leicht zugänglichen Beruf mit einer viele Fehltritte verzeihenden Ausbildung darzustellen, in dem selbst bildungsferne Personen mit genügend Leidenschaft irgendwann eine Pflegeeinrichtung leiten können. Für die Nerds und verkopften Exoten bleibt dann immer noch ein Studiengang in der Pflege, was anschließend mit einem großen Loft, vielen Büchern und der Möglichkeit, soziopathisch auf die ganze Stadt zu spucken, belohnt wird. Wem das, zusätzlich zur Ausbildungsvergütung, nicht reicht, um diesen Beruf zu ergreifen zu wollen, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.  Dabei fordert der Pflegeberuf weitaus mehr als die oft appellierte „Herzenswärme und Geduld“. Professionell pflegerisches Handeln ist gekennzeichnet durch zwei miteinander verschränkte Ansprüche: fundiertes, wissenschaftlich gestütztes Regelwissen sowie ein hermeneutisches Fallverstehen. Die alleinige Beherrschung wissenschaftlich fundierten Regelwissens reicht für professionelles pflegerisches Handeln nicht aus.

Es kommt darauf an, oftmals ad hoc die Situationen von Menschen mit Unterstützungsbedarf und deren Angehörigen zu erfassen, geeignete Wissensbestände begründet auszuwählen und diese in Aushandlungsprozesse einzubringen. Pflege als Anwendungswissenschaft benötigt genau definierte Einsatzbereiche in der direkten Versorgung.

Dazu gehören ebenfalls die Möglichkeit der eigenständigen Abrechnung von Pflegeleistungen anhand einheitlicher, pflegediagnostisch gestützter Kataloge sowie die Therapiehoheit über pflegerische Belange. Wohin sich der politische Blick auf Pflege gerade wendet, wird angesichts der „Ehrenpflegas“ klar und wird mit großem Bedauern und großer Sorge verfolgt.

Es stellt sich die Frage, ob tatsächlich eine Verzerrung der Realität vorliegt oder ob der Pflegeberuf nicht genau so dargestellt wird, wie er politisch gesehen wird. Das hätte für die Professionsentwicklung in Deutschland wenigstens Klarheit zur Folge.