1. Meinung

Mensch ... Conchita Wurst

Mensch ... Conchita Wurst

Eins vorneweg: Freut mich, dass Sie den Eurovision Song Contest gewonnen haben. Nicht, weil Sie Bart und Frauenklamotten miteinander verbinden - das kenne ich aus dem Karneval vom Männerballett, aber da fand ich es auch schon nicht besonders originell. Sondern weil Sie im Verhältnis zu dem belanglosen musikalischen Müll, der da einen Abend lang auf uns heruntergekippt wurde, noch das Beste geboten haben.

Ein zwar altbackenes, aber effektvoll arrangiertes James-Bond-Liedchen, respektabel und ziemlich stimmsicher vorgetragen. Inmitten der geklonten Einheitsballaden, Boygroup-Imitatoren und vertonten Turnübungen noch das Erträglichste aus Kopenhagen.

Gegönnt habe ich es Ihnen auch, weil zumindest Ihr selbst gewählter Nachname darauf hindeutet, dass Sie die ganze Chose nicht annähernd so ernst nehmen wie die meisten Ihrer Fans am Fernseher oder im Feuilleton. Sie haben sich selbst erfunden, und irgendwie glaube ich, dass Sie sich hinter dem tränennassen Gesicht köstlich über den ganzen Irrsinn rund um Sie herum amüsiert haben.

Allerdings nimmt der Hype langsam Formen an, die mich am Verstand der Menschheit zweifeln lassen. Kollegen, Freunde, Bekannte, von denen ich glaubte, sie hätten alle sieben Zwetschgen beisammen, sind seit Tagen im ESC-Wahn, twittern und facebooken, diskutieren und lamentieren. Als ob es um etwas von Belang ginge. Es geht aber nur um eine gigantische Show mit null Inhalt. Für die Entwicklung der Popmusik ist der ESC völlig bedeutungslos, weil er nur alten Käse aufwärmt. Je ärmer aber die musikalische Qualität, umso größer das Spektakel.

Was zählt, ist allein die Verpackung, die Songs bei diesem Song Contest sind sowieso allen scheißegal. Und das Talentpotenzial bei den Vortragenden bleibt hinter dem einer durchschnittlichen Ausgabe von "Voice of Germany" um Welten zurück.

Bin ich eine Spaßbremse, nur weil es mich ärgert, dass sich für die vielen begabten Musiker vor Ort kein Schwein interessiert? Dass die Light- und Videoshow irgendwann auch beim letzten Heimatfest wichtiger ist als die Musik? Dass das Outfit entscheidender ist als die Stimme und die Gestaltungsfähigkeit? Da können Sie nix für, Frau Wurst. Und dass Ihr Sieg ein Tritt in den Hintern aller homophoben Hohlköpfe ist, die derzeit europaweit aus ihren Löchern kriechen, ist immerhin ein erfreulicher Aspekt am ESC.

Aber beispielhafte Toleranz wäre, wenn Ihr Lied mit Ihrer Stimme den ESC auch dann gewonnen hätte, wenn eine kleine stämmige Sängerin aus Albanien im farblich geschmacklosen Hosenanzug es gesungen hätte. Wetten, dass dieser Phoenix nie aus der Kopenhagener Asche aufgestiegen wäre? Dieter Lintz