1. Meinung

Mensch… Christian von Boetticher!

Mensch… Christian von Boetticher!

Da haben Sie Ihre Karriere aber sauber in den Graben gesetzt, bevor sie überhaupt begonnen hat. Komisch: Spitzenpolitiker aus Schleswig-Holstein lernt man meistens erst so richtig kennen, wenn sie ihre Ämter unter merkwürdigen Umständen abgeben müssen.

Aber so blöd wie bei Ihnen hat sich noch selten ein Senkrechtstarter in den Boden gebohrt. Dabei haben Sie juristisch nach Lage der Dinge gar nix Verbotenes getan, und auch menschlich-moralische Wertungen sollte sich tunlichst versagen, wer die näheren Umstände nicht kennt. Wo die Liebe hinfällt, wächst halt manchmal kein Gras mehr.Nur: Sie sind eben nicht nur Mensch, sondern auch Politiker. Und da ist die Vorstellung, wie der Herr Landtags-Fraktionsvorsitzende und Ex-Familienminister abends nach Dienstschluss am Computer sitzt, via Facebook mit 16-jährigen Mädels chattet und sich in Hotelzimmern verabredet, schon etwas, na sagen wir: befremdlich. Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Kommunikationsformen und social networks steht Politikern grundsätzlich ja ganz gut - aber ausgerechnet so?

Doch selbst das hätte Sie nicht zwangsläufig aus dem Amt getrieben. Wären Sie mal nur nicht auf die Idee gekommen, auch noch Ministerpräsident werden zu wollen. Und damit als Landesvater in den absoluten Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu treten. Wer so naiv ist zu glauben, da käme eine solche Vorgeschichte nicht raus oder wäre den Leuten egal, hat sich zumindest als Konservativer für eine hohes politisches Amt selbst disqualifiziert.

Was die First Ladys angeht, hat sich das Volk ja seit den seligen Tagen von Elly Heuß, Mildred Scheel oder Loki Schmidt schon an einiges gewöhnt. Dass Kanzler Schröders Gattin (zumindest die letzte von den vielen) zwei Jahrzehnte jünger als der Gemahl war, ergab ebenso wenig einen Aufreger wie das untertellergroße Oberarm-Tattoo der Angetrauten des aktuellen Bundespräsidenten.

Aber dass die Schleswig-Holsteiner empfindlich auf die Befürchtung reagieren, ihr oberster Repräsentant könne womöglich nach der nächsten Facebook-Party mit einer Minderjährigen an seiner Seite den Neujahrs-Empfang in der Staatskanzlei ausrichten - das freilich hätten Sie ahnen können, ja müssen. So viel Bunga Bunga verträgt der gemeine Norddeutsche einfach nicht.

Ein paar Jahre die Füße still gehalten nach Ende der Affäre, und Ihrer Karriere hätte nichts mehr im Weg gestanden. Aber warten wollten Sie offenbar nicht. Und was mit Ihrer ehemaligen Freundin passiert, wenn eine solche Bombe platzt, hat Sie wohl auch nicht so furchtbar interessiert.

Da dürfen Sie sich auch nicht wundern, wenn sich das Mitleid in Grenzen hält. Dieter Lintz