Mensch... Helmut Schmidt

Mensch... Helmut Schmidt

Auf Sie kann man eigentlich nur neidisch sein. Sie haben etwas erreicht, was in einer Demokratie eigentlich gar nicht geht: Sie dürfen alles.

Sie dürfen sich sonntagsabends ins Fernsehen setzen, Günther Jauch mit Rauchschwaden zuqualmen und auf die Frage, wie man derart helle wie Sie das 92. Lebensjahr erreicht, auf die Kippen als Heilmittel verweisen. Sie dürfen in der hochedlen Zeit im Zusammenhang mit Investment-Bankern das Wort "Scheiße" benutzen, und im Fernsehen wird es sogleich schriftlich und mündlich wiederholt. Sie dürfen Ihren persönlichen Kanzlerkandidaten aussuchen und dabei den Rest des Spitzenpersonals Ihrer Partei mal eben als nicht sonderlich kompetent abkanzeln. Sie dürfen mit Anglizismen um sich werfen, bei denen selbst Angela Merkel wahrscheinlich erst einmal ein Internet-Übersetzungssystem zu Rate ziehen müsste. Sie dürfen öffentlich postulieren, dass Politiker nicht immer die ganze Wahrheit sagen müssen. Und Sie dürfen sogar Ihre Sympathie für den diktatorischen Staatskommunismus in China derart bekunden, wie es - pardon, es soll kein Vergleich sein - seit Egon Krenz kein deutscher Staatsmann mehr gewagt hat. Für Sie, Herr Schmidt, gilt, was für den Papst schon lange nicht mehr gilt: Sie stehen außerhalb jeder Kritik. Und niemand traut sich, an Ihrer Unfehlbarkeit zu zweifeln, jedenfalls nicht öffentlich. Falls mal jemand widerspricht, dann sehr leise und hinter vorgehaltener Hand. Sie erarbeiten sich diesen Status aber auch mit jeder Rede, jedem Interview neu. Und zwar deshalb, weil man das Gefühl hat, dass Sie noch denken, bevor Sie etwas sagen. Wo ihre Nachfolger längst dazu übergegangen sind, vorgestanzte Formeln abzurufen und auszuspucken wie ein Polit-Roboter, ist bei dem, was Schmidt sagt, noch Schmidt drin. Auch wenn man sich über den Inhalt öfter mal streiten müsste: Das ist allemal eine Qualität für sich. Das Schlimme ist: Sie stehen völlig singulär da. Ihre noch lebenden Nachfolger haben sich durch eigenes Verhalten um die Position einer moralischen Instanz gebracht: Der eine als Parteispendervertuscher, der andere als Kostgänger von Staatskonzernen befreundeter Machthaber. Sie, Herr Schmidt, hatten das Glück, auf dem Höhepunkt Ihres Ansehens die Macht abgeben zu müssen - und die Klugheit, damals sofort und endgültig aus der Politik auszusteigen. So sind Sie uns als elder statesman erhalten geblieben. Und so wie es aussieht, sind Sie noch lange Zeit alternativlos. Vielleicht sollten Sie ja doch mit dem Rauchen aufhören.

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