Mensch...Joachim Löw

Mensch...Joachim Löw

Bisher habe ich Sie ja immer ganz kumpelig mit Jogi angeredet, aber jetzt sind Sie ja über Nacht so richtig erwachsen geworden. Haben mal ordentlich auf den Tisch gehauen und Ihre Meinung gesagt.

Donnerwetter. Ich dachte immer, Sie seien so weichgespült wie Ihre Rollkragenpullis und so flauschig wie Ihr Dialekt. Und jetzt lassen Sie eine Rede vom Stapel, dass der versammelten Journalistenschar Hören und Sehen vergeht. Na ja, fast. Oder zumindest ein bisschen. Es war noch nicht ganz so dynamisch wie Trappatonis "Ich habe fertig" oder Völlers Traktat über Waldi und das Weizenbier, aber immerhin. Jeder Grantler hat mal klein angefangen, sogar Max Merkel und Udo Lattek. Das, was Sie sagten, reichte eh völlig aus, um die Sport-Journaille derart zum Schäumen zu bringen, als hätte man ihnen eine Überdosis Nivea for men- Shampoo verabreicht. Die Kollegen dichteten von der "Löw-Explosion", der "Gift-und-Galle-Rede", der "Brandrede", dem "Monolog ohne Reue", der "Generalabrechnung". Wie kommt denn auch so ein Würstchen von Bundestrainer dazu, den hochkompetenten Fußball-Experten von Bild, Spiegel, SZ oder Kicker an den Karren zu fahren? Sehen Sie, Herr Löw, Sie haben zwei entscheidende Regeln des gehobenen Sportjournalismus nicht verstanden. Erstens: Der Reporter weiß es immer besser. Zweitens: Das Publikum will entweder "Hosianna" oder "Kreuzigt ihn". Ergo kann es sein, dass die ganze Blase Sie vor dem Spiel für Ihre Risikobereitschaft lobt und Sie danach aus dem gleichen Grund zerreißt. Oder umgekehrt. Je nach Spielausgang. Setzen Sie auf junge Wilde, fordert man erfahrene Kämpen. Setzen Sie auf bewährte Führungsspieler, fordert man frisches Blut. Natürlich immer erst nach dem Spiel. Falls Sie verloren haben. Haben Sie gewonnen, sind Sie der Fußballgott, das Genie, der Unverzichtbare. Bis zum nächsten Spiel. Dagegen hilft nur eins: gewinnen. Aber selbst das ist keine Garantie. Als der ungeliebte Bundestrainer Helmut Schön Weltmeister, Vizeweltmeister und Europameister wurde, befand die vereinte Medienlandschaft kühl, die Mannschaft habe halt nicht wegen, sondern trotz des Trainers gewonnen.