Nachhallende Geschichte vom Ende

Eine erbauliche Lektüre ist Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur" nicht. In dem Weblog, das der Autor kurz nach seiner Erkrankung an einem Hirntumor einrichtete und an dem er dreieinhalb Jahre bis zu seinem Tod schrieb, geht es um Schmerzen, Sehstörungen und Halluzinationen, um epileptische An- und motorische Ausfälle. Um Angst und Verzweiflung.

Doch wer sich auf "Arbeit und Struktur" einlässt, liest nicht nur ein nachhallendes Buch über das Annehmen eines Schicksals und über tiefe Freundschaft. Er findet sich wieder in der Gefühls- und Gedankenwelt eines Todkranken und steht mit Herrndorf vor existenziellen Fragen, allen voran der nach einer "Exit-Strategie". Der Autor wird selbst entscheiden, wann sein Leben zu Ende sein soll, das ist für ihn nicht verhandelbar. Doch wie will, besser: wie darf er sterben?

"Arbeit und Struktur" - das Buch heißt nach Herrndorfs Bewältigungsstrategie. Innerhalb weniger Monate vollendet er seinen Roman "Tschick", ein Jahr später ist das 500-Seiten-Werk "Sand" fertig. Das Weblog schreibt er parallel dazu. Zunächst als Information für seine Freunde gedacht, findet es mehr und mehr Leser und verselbstständigt sich als literarische Form. Herrndorfs bisweilen erschütternde Geschichte kontrastiert mit seiner zurückgenommenen Sprache und seinem Witz. "Gespräche mit den Ärzten laufen darauf hinaus, dass sie versuchen, mir Erinnerungslücken nachzuweisen, weil ich mich an sie und ihre Namen nicht erinnere. Mich nennen sie grundsätzlich Herrnsdorf", schreibt er, oder: "Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld."

Am 26. August 2013 erschoss sich Wolfgang Herrndorf in Berlin. Freunde haben das Weblog lektoriert und als Tagebuch herausgegeben. Im Nachwort erklären sie dezidiert, wie der Suizid ablief. So hatte es Herrndorf verfügt - Leidensgenossen sollen es bei der Suche nach einer "Exit-Strategie" leichter haben als er selbst. Damit gräbt sich "Arbeit und Struktur" auch als eindringliches Plädoyer für Sterbehilfe ins Gedächtnis.

Inge Kreutz

Wolfgang Herrndorf: "Arbeit und Struktur. Rowohlt-Verlag Berlin. 488 Seiten. 19,95 Euro.

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