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Kolumne Neue Heimat
Wenn Bäume für den Präsidenten sterben

Ayad Abed Lateef
Ayad Abed Lateef FOTO: privat, / Ayad Abed Lateef
Konz. Milieus prägen nicht nur Menschen, sondern auch die Bedeutung von Worten. Das zeigt sich besonders in der Dichtung. Von Ayad Abed Lateef

Beliebte Motive der arabischen Lyrik sind zum Beispiel Wüste, Blumen und Bäume. Zur Zeit Saddam Husseins wurden diese Worte als Symbole zum Lob des Präsidenten gedeutet.Einige Verse aus der Grundschulzeit haften bis heute in meinem Gedächtnis: "Wie Frühlingsblumen, die in jedem Jahr blühen, wird unsere Liebe neuer und größer für den Kämpfer Saddam." In der Mittelschule haben wir gesungen: "Zu deinem Geburtstag blühen alle Blumen, zu deinem Geburtstag zwitschern alle Vögel."

Und an der Universität hieß es: "Wir sterben für dich, wie Bäume stehend sterben und nicht aufgeben."Von der Grundschule bis Universität habe ich nur nationale Gedichte gehört, überall: nationale, nationale, nationale. Das Ergebnis ist bekannt: ein zerstörter Irak.Wie anders Bäume in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld wahrgenommen werden!

Schon Bertolt Brecht beschrieb das Phänomen: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken." So hat mein irakischer Kollege sich bei seinem Gedicht "Bäume" von der schönen deutschen Landschaft inspirieren lassen: "Und wie die Bäume ihre Blätter still ablegen! Und wie sie sich dem Frühling entgegenfreuen! Wie still sie wieder zur neuen Geburt, zum neuen Leben erwachen, und sich zu voller Pracht entfalten!" Die Bäume sterben nicht, wie im Irak, für den Präsidenten - sie blühen für das Leben.

Alle reden über Muslime - von diesen selbst ist dagegen wenig zu hören. Deshalb schildert Ayad Abed Lateef, ein in Konz lebender gebürtiger Iraker, in dieser Volksfreund-Kolumne, wie er und seine arabischen Freunde Trier erleben. Er erzählt, was hier ganz anders ist als in ihren Herkunftsländern und findet unerwartete Gemeinsamkeiten. Lateef stammt aus der irakischen Hauptstadt Bagdad und verließ sein Heimatland aus politischen Gründen. Er promoviert an der Uni Trier und möchte später als Journalist arbeiten.