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Meinung
Rechter Theoretiker mit rotem Parteibuch

FOTO: TV / Schramm, Johannes
Ach, wäre es schön, Religionsexperten würden über Religionen reden und Integrationsexperten über Integration. Migrationsexperten über Fluchtursachen und Innenexperten über Sicherheit. Stattdessen redet – und schreibt – Thilo Sarrazin für alle über alles. Von Werner Kolhoff

Ein pensionierter Banker mit sehr viel Zeit und noch mehr Geltungsdrang. Ein Wutbürger, von denen es gegenwärtig so viele gibt. Diese Sorte steht mit Sarrazin-Thesen auf Pappschildern in Dresden oder Chemnitz auf der Straße, füllt die Leserbriefspalten der Zeitungen und erregt sich bei Stammtischdebatten: Deutschland schafft sich ab. Kopftuchmädchen. Messermörder. Umvolkung. Und jetzt: Feindliche Übernahme.

Sarrazin hat dem Rassismus Argumente gegeben, dicke Bücher voll. Mit steilen Thesen und gewagten Privatanalysen des Islam, mit wissenschaftlich daherkommenden Statistikauswertungen. Sarrazin ist sein eigener Echoraum und der Cheftheoretiker von Pegida und AfD. Er ist kein unabhängiger Experte, sondern ein Einpeitscher. Alles, was er sagt und schreibt, läuft auf einen Kreisschluss hinaus: Die Muslime sind nicht integrierbar. Das liegt am Islam an sich, der sich auch in aufgeklärter Umgebung nicht verändert. Also versuchen wir es erst gar nicht. Mit dieser Analysekraft müsste man auch die Einreise von Christen verhindern. Wegen drohender Hexenverbrennungen und Heiligenverehrung.

Natürlich gibt es Grund genug zu scharfer Kritik am Islam, an seinen Lehren und mehr noch an seiner Praxis. Sarrazin aber gibt nicht nur dem Islam keine Chance, sondern auch allen Muslimen nicht, ob Modernisierer oder Fundamentalisten. Schon gar nicht den Zugewanderten. Sie sind für ihn eine unterschiedslose Masse, die sich rasant vermehrt. Bis zur feindlichen Übernahme. Also bleibt nur die Abwehr. Warum das von vielen so begierig gelesen wird? Weil es das Gewissen entlastet, indem es aus Fremdenangst und Rassismus einen Akt der Selbstverteidigung macht. Etwas Rationales.

Für eine humanistische Partei wie die SPD ist es natürlich ein Grund zur Scham, dass so einer aus ihrem Schoß gekrochen ist. Aber es sind schon zwei Ausschlussverfahren gescheitert, einfach weil das Meinungsspektrum in einer Partei breit sein darf. Man hätte eben bei der Aufnahme besser aufpassen sollen, aber dazu ist es etliche Jahrzehnte zu spät. Ein drittes Verfahren würde dem Buchautor die ganz große Bühne geben – und scheiterte es erneut, den ganz großen Triumph. Es ist besser, wenn die SPD diesen Ärger herunterschluckt. Der Mann hat seine Bedeutung nicht als Sozialdemokrat. Anders als zum Beispiel Gerhard Schröder, dessen Aktivitäten für Russland das Ansehen der Partei viel stärker berühren.

Den Namen SPD kann ein Thilo Sarrazin nicht wirklich beschädigen. Nur seinen eigenen. Mit jedem Buch mehr. Das freilich ist ihm noch gleichgültiger als die Menschen, über die er hetzt. Denn Kasse und Ego stimmen.


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