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Reingehört
Von getragen bis leicht frivol

 Evelyn Czesla, Michèle Kerschenmeyer und Nico Wouterse (von rechts) widmen sich Liedern von Georges Schmitt.
Evelyn Czesla, Michèle Kerschenmeyer und Nico Wouterse (von rechts) widmen sich Liedern von Georges Schmitt. FOTO: Marco Piecuch
Das Album „Georges Schmitt: Lieder“ des Trio Cénacle bietet bei einer Gesamtlaufzeit von einer Stunde 19 Kompositionen. Diese können den damals drei wichtigsten Gattungen des französischen Liedes zugeordnet werden, die sich allerdings nicht streng voneinander trennen lassen: Mélodie, Romance und Chanson (Siehe Grandjean im informativen Booklet). Von Jörg Lehn
Jörg Lehn

Insgesamt muss einer Besprechung des Albums vorangestellt werden, dass Schmitts Werken allgemein eine übermäßige Tiefe abgesprochen werden muss. Sie pegeln sich vielmehr zwischen vorhandenem künstlerischen Anspruch und populärer Gefälligkeit ein. Mit sechs Liedern der Gattung Mélodie beginnt das Album. Als Mélodies werden „ernste Lieder bezeichnet, oft auf Texte der großen französischen Dichter; sie sind mit dem deutschen romantischen Klavierlied seit Schubert zu vergleichen“ (Grandjean).

Den Anfang macht eine erste Komposition auf einen Text von Victor Hugo: „Encore à toi“ ist ein durchkomponierter Gesang, dargeboten von Czesla mit strahlendem Sopran: Das Lied schöpft „die Spannweite zwischen lyrischer Verinnerlichung und großen Ausbrüchen aus“ (s.o.). Es folgt die Komposition „Un rêve“ (2) nach einem Text von Victor Ladet, ebenfalls von Czesla gesungen mit tirilierenden Passagen. Weiter geht’s mit Schmitts Werk zu Hugos „Extase“ (3), einem religiösen Hymnus, der in einem Höhepunkt gipfelt und von Bassbariton Nico Wouterse vorgetragen wird. Die Komposition zu „Le vase brisé“ (4), einem Gedicht des ersten Literatur-Nobelpreisträgers Sully Prudhomme (1839-1907), ist ein düsteres Klanggebilde, von Czeslas Sopran gelungen dargeboten. Mélodie Nummer sechs, „Au bord de la mer“ (6), erweist sich als beeindruckendes Naturbild, basiert auf einem Text von Schmitts Tochter Maria Duclos, den sie unter ihrem Pseudonym Paul Georges verfasst hat, und wird von Czesla interpretiert. Dieses Abbild der Natur schwingt sich gleich Wellen zu „hymnischer Größe“ (s.o.) auf.

Auf die sechs Mélodies folgen sieben Stücke, die den Romances zuzuordnen sind. Diese ältere und leichtere Gattung äußert sich in einfacheren, oft sentimentalen Strophenliedern. Sie waren in der Opéra comique und den Salons zu Hause.

Die erste Romance, „Il dort“ (7), ist ein eingängiges Wiegenlied. Es folgt ein langsamer Walzer, die Nocturne „Ne m’oublie pas“ (8). Beide Werke werden von Czesla einfühlsam dargeboten. Daran schließt sich die sentimentale Träumerei „La Violette“ (9) mit recht eingängiger Melodie an, gesungen wiederum von Evelyn Czesla. Die Träumerei wird in der folgenden „Arabesque sur la Violette“ (10), einem ansprechenden, mitreißenden Klaviersolo von Kerschenmeyer, wieder aufgenommen. Es folgt das fröhliche, von Wouterse vorgestellte „Adieu aux hirondelles“ (11). Der Klavierpart Kerschenmeyers gibt das umtriebige Fliegen der Schwalben wieder.

Auf einer niederen sozialen Stufe standen in ihrer Zeit die sechs folgenden Chansons. Sie sind volkstümliche, oft freche Liedchen und beenden die CD des Trio Cénacle. Los geht’s noch mal mit einem Stück nach einem Text von Schmitts Tochter: „La chanson de Mai“ (14). Gesungen wird es beschwingt von Bassbariton Wouterse. Der Cancan aus den Pariser Cabarets ist hier wahrlich nicht mehr weit! Leicht frivole Töne finden sich in „Mimi Pinson“ (17) mit einem Text von Alfred de Musset („Das Blondchen kennt man überall“). Entsprechend leichtfüßig und schnell mit einem gewissen Pfiff, vorgetragen von Czesla, kommt dieses Chanson daher. Es folgt ein von Wouterse gesungenes „beschwingtes“ Trinklied auf „Le cidre“ (18). Das Album endet mit „La chanson du rat“ (19) zu einem Liedtext von P. de Wildé nach Goethes Ballade in „Auerbachs Keller“ aus dem „Faust“. Wouterse intoniert ihn sehr eindrück­lich.

Aufgenommen wurde die CD Anfang August 2017 im Konservatorium der Stadt Luxemburg. Insgesamt legt das Trio Cénacle ein verdienstvolles Album vor, das eine bislang unbekannte Zeitphase im Werk eines deutschen und gleichzeitig der Region verbundenen Komponisten nicht nur aufdeckt, sondern auch gekonnt vertont.

⇥Jörg Lehn

Trio Cénacle: Georges Schmitt: Lieder: Mélodies ° Romances °Chansons, Profil Edition Günter Hänssler, PH 18042, Profil Medien GmbH, Neuhausen/Österreich 2018, 15,99 Euro.