1. Meinung

Standpunkt: Mächtiges Mädchen

Standpunkt: Mächtiges Mädchen

Es ist das ungewöhnlichste Mädchen, von dem ich je gehört habe. Mit elf Jahren begann die Pakistanerin Malala Yousafzai in einem Internet-Tagebuch für den britischen Nachrichtensender BBC aus ihrem Tal an der Grenze zu Afghanistan über das Leben unter den radikalislamischen Taliban zu berichten.

Sie beschrieb die Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder und die Brutalität, mit der Mädchen vom Schulbesuch abgehalten wurden. Malala kämpfte seitdem so unbeirrt für die Rechte von Kindern weltweit, für deren Zugang zu Schule und Bildung, dass ihr mittlerweile auch die Mächtigen zuhören. Mit 14 bekam sie den ersten Friedenspreis der pakistanischen Regierung. Mit 15 folgte der Mutter-Teresa-Gedächtnispreis für soziale Gerechtigkeit. Als jüngste Kandidatin war die inzwischen 16-Jährige in diesem Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Vereinten Nationen haben ihr Anliegen aufgegriffen. Das renommierte Time-Magazin kürte sie zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Es folgten zahlreiche weitere Ehrungen. Jetzt verlieh ihr das Europäische Parlament seine höchste Auszeichnung, den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Dass Malala, die bei einem Anschlag der Taliban im vergangenen Jahr lebensgefährlich verwundet wurde, seit ihrer Genesung nur umso entschlossener für Bildung als den Schlüssel zu Frieden und Freiheit eintritt, ist schon bemerkenswert genug. Dass die mannhaften Gotteskrieger ein Mädchen so sehr fürchten, dass sie es erneut mit dem Tode bedrohen, macht es mächtiger denn je, wenngleich nicht unverletzlicher. Die Millionen Kinder, die in Slums oder auf der Straße leben, in Kriegs- oder Hungergebieten, haben in Malala eine mutige Fürsprecherin mit einem großen Traum gefunden. Mit all dem Idealismus und all dem Pathos, die ihrer Jugend zustehen. Was für eine Biografie, die doch erst so kurz ist - und schon so prall und beeindruckend. Isabell Funk, Chefredakteurin