| 18:49 Uhr

Unterm Strich - Die Kulturwoche
Der letzte Walzer

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, sang 1965 Franz-Josef Degenhardt. Die mehr als ein halbes Jahrhundert alte Botschaft bekommt jetzt beim Bundespresseball – mutatis mutandis – eine neue Bedeutung unter dem Titel „Tanz nicht mit den Schmuddelkindern“. Von denen – sprich, den Abgeordneten der AfD – wird dem Ereignis keiner beiwohnen. Eingeladen worden sind sie zwar, versichert Gregor Mayntz, Gastgeber und Vorsitzender der Bundespressekonferenz, dessen Verein Hauptstadt-Journalisten den Ball am heutigen Freitag zum 66. Mal veranstaltet. „Wir haben sie behandelt wie jede andere Partei im Bundestag auch. Es hat sich dann auf den Anmeldungen aber keiner wiedergefunden.“ Von Dr. Rainer Nolden

Warum wohl? Befürchten sie, dass sie ohnehin keiner zum Tanz auffordert – jedenfalls nicht die artfremden anderen Politiker und Promis? Oder beherrschen sie die neumodischen  Tanzschritte nicht? Und Marschmusik – jene tönende Variante, zu der Albert Einstein Folgendes eingefallen ist: „Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde“ – wird bei diesem Anlass wohl kaum zu Gehör kommen.

Möglicherweise haben sich die Aefdeler auch vom Motto des Abends abschrecken lassen: Der heißt  nämlich „Perspektiven“. Wie will man schon gut gelaunt durch ein so bezeichnetes Event kommen, wenn man selber keine hat?  Aber vielleicht liegt der Grund auch ganz woanders: Die strammen Jungs und aufrechten Mädels haben nichts Passendes zum Anziehen. Die Gauland’sche Förstertracht samt Hundekrawatte zum Beispiel eignet sich ja wirklich mehr für Übungen auf dem hauseigenen Schießstand als fürs glänzende Parkett. Und dann diese parteiimmanente Miesepetrigkeit! Mal ehrlich: Wer möchte schon einen ganzen Abend lang in die Sauertopfmiene einer Beatrix von Storch blicken? Da wird doch selbst die lieblichste Auslese sauer. Nein, nein, es ist schon gut, dass diese Leute ihre eigenen Burschenschaftsabende feiern – weitab und außer Sichtweite vom Rest der Welt.   

Und wer kommt sonst noch ins Luxushotel Adlon am Brandenburger Tor? Erwartet werden 2300 geladene Gäste, darunter sind die Bundesminister Hermann Gröhe (CDU) und Brigitte Zypries (SPD), Finanz-Staatssekretär Jens Spahn (CDU), die Parteivorsitzenden Katja Kipping (Linke) und Cem Özdemir (Grüne), die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sowie die Bundestags-Vizepräsidenten Wolfgang Kubicki (FDP) und Claudia Roth (Grüne). Ganz Jamaika also ist dabei, und mögliche Groko-Vertreter sind auch dabei. Mayntz ist schon ganz gespannt darauf, wie sich die kürzlich noch im Unmut vereinten Streithähne auf dem Parkett begegnen werden. „Ich kann mir schon vorstellen, dass es ziemlich lange zu sehr intensiven Gesprächen kommt.“ Und vielleicht doch noch zu einem Konsens – ausnahmsweise in aller Öffentlichkeit und nicht in Hinterzimmergesprächen? Angela Merkel und Martin Schulz werden übrigens nicht zum Ball erscheinen. Gut möglich, dass sich die zwei zu einem Hinterzimmergespräch verabredet haben …   no