Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden : Satire, Realsatire, Titanic

Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ Dieser Vers hat sich in die Ewigkeitsliste deutscher Lyrik hineingemeißelt – und das nicht zuletzt, weil er mehr als ein paar Körner Realität enthält.

Dem Leser auf kürzestem Raum die geballte Wahrheit um die Ohren zu knallen, hat in dieser Stringenz nur Erich Kästner mit seinem „Es gibt nichts Gutes / Außer man tut es“ geschafft. Wäre der Dresdner Autor ein paar Generationen später geboren, hätte er es wahrscheinlich genau wie sein Kollege F. W. Bernstein, von dem das Elch-Bonmot stammt, in die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Titanic“ gebracht. Denn dieses im Gegensatz zur Namensgeberin offenbar tatsächlich unsinkbare Magazin wird in diesen Tagen 40 Jahre alt.

„Titanic“, das „endgültige Satiremagazin“, wurde 1979 in der Nachfolge der „Pardon“ das  Leitmedium der „Neuen Frankfurter Schule“. Neben dem bereits erwähnten Bernstein gehörten Peter Knorr und das berühmte Viergestirn Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, F.K. Waechter und Hans Traxler dem Redaktionsteam an. Das hat es geschafft, unzählige Politiker zu  verärgern (dass Helmut Kohl zur Birne wurde, hat er den Frankfurtern zu verdanken), und sogar den Vatikan aufs Bäumchen getrieben – zu einer Zeit, als der verschworene Männerbund noch glaubte, niemand könnte ihm ans Bein pinkeln. Tempi passati!

Nicht nur mit dieser Ausgabe, die im Juli 2012 Papst Benedikt XVI. zum Coverboy machte, der es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo geschafft hat, schrammte das – wieder mal verklagte – Magazin  knapp an der Pleite vorbei. (Seinerzeit ging es um die „Vatileaks“-Affäre um gestohlene Dokumente und Enthüllungen über Intrigen im Vatikan.)

Den 40. feiert die „Titanic“ gleich mehrfach. Am 27. September erscheint die Geburtstagsausgabe, zudem gibt es ein Buch mit den Titelbildern. Anfang Oktober wird im Caricatura Museum in Frankfurt dann die Jubiläums-Ausstellung eröffnet, im November gibt es eine Party. Für Kurator Mark-Stefan Tietze hat die „Titanic“ in den vergangenen vier Jahrzehnten eine „eminent wichtige“ Bedeutung erhalten: „Sie hat die freie und wilde Satire in Deutschland überhaupt erst an den Zeitschriftenkiosk gebracht.“ Und: „Anhand der 40 Jahrgänge kann man so etwas wie eine alternative Chronik der deutschen Geschichte lesen.“ Und dass die Satiriker die Politik nicht nur aufs Korn nahmen, sondern sich selber als Weltverbesserer versuchen, beweist der ehemalige Redakteur Martin Sonneborn, der im Europaparlament Chef der „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ geworden ist. Das nennt man dann Realsatire.

Wichtigste Neuerung der einst ausschließlich männlich geprägten Redaktion: Inzwischen gebe es zum Glück auch Damen in der Redaktion, sagt der aktuelle Chefredakteur Moritz Hürtgen. Und beklagt auch den gestiegenen Arbeitsaufwand: „Wir müssen jetzt mehr arbeiten wegen dem Internet. Das ist nicht schön.“ Da fällt uns doch gleich ein Geschenk für die gesamte Redaktion ein: der Duden-Band „Die deutsche Grammatik“. no/dpa

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