Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden : Wer besser schläft, ist heller wach

Gestern stand es im TV auf Seite 1: „Schlaflose Nächte nehmen zu“ bei immer mehr Menschen in Rheinland-Pfalz. Heute sorgen wir für Abhilfe mit Toby Baier. In seinem „Einschlafen-Podcast“ erzählt der Informatiker mit seiner ruhigen, monotonen Stimme aus seinem Leben und hilft dabei anderen, einzuschlafen.

„Ich will Leute so aus ihrem eigenen Gedankenkarussell rausholen“, sagt er. Und offenbar funktioniert es ganz gut. Anfangs wollte er seine Vorlesestimme für seine Kinder konservieren – für später, wenn sie groß sind. Die Idee kam ihm, weil er seinen beiden Töchtern abends gerne im Bett vorlas. Nachdem er die Aufnahmen im Internet veröffentlichte, bekam Baier eine Nachricht von einem Bundeswehr-Arzt. „Er schrieb mir, dass der Podcast ihm während eines Auslandseinsatzes geholfen hat, in den Schlaf zu kommen.“ Inzwischen lassen sich bis zu 140 000 Leute von Baier ins Bett bringen.

Und das ist wirklich nicht geflunkert – im Gegensatz zu dem, was die Fotografin Alison Jackson ihren Zuschauern derzeit in einer Wiener Ausstellung präsentiert. Die Queen beim Selfie, Kim Kardashian und Kanye West bei der Hausgeburt, Lady Di mit ausgestrecktem Mittelfinger und Donald Trump mit lüsternem Blick zwischen den gespreizten Beinen von Miss Mexiko, wo er zumindest weniger Unheil anrichten kann als an seinem Schreibtisch im Weißen Haus.

In Zeiten der allgegenwärtigen Rede über Fake news wird die Unterscheidung von Wahrheit und Fiktion zunehmend schwieriger. Die Arbeiten der vielfach ausgezeichneten britischen Künstlerin (Jahrgang 1960) verwischen permanent die Grenzen zwischen dem gerade noch Möglichen und dem eigentlich Undenkbaren. Die Galerie „WestLicht. Schauplatz für Fotografie“ in der Wiener Westbahnstraße 40 zeigt die Fotografien zum ersten Mal in Österreich. „Meine Fotografie beschäftigt sich mit dem Voyeurismus der Öffentlichkeit, mit der verführerischen Macht von Bildern und unserem Wunsch, ihnen Glauben zu schenken. Ich arbeite mit Schauspielern, die so zurechtgemacht sind, dass man sie für echt hält – und versetze sie dann in Szenen, die wir uns alle schon einmal vorgestellt, aber eben noch nie gesehen haben.“

Unterstützt von einem Team professioneller Lookalikes und mit enormem Produktionsaufwand inszeniert Jackson ihre Szenen. Viele Aufnahmen entstehen on Location, mitunter geht Jackson auch auf die Straße und lässt das Ganze mitfilmen, etwa wenn sie mit einem Double des gegenwärtigen US-Präsidenten und einer Horde leicht bekleideter Models vor den Trump Tower in New York zieht und einen Menschenauflauf verursacht. Kaum jemand ist vor ihr sicher, Boris Johnson und Wladimir Putin haben ebenso ihren Auftritt wie Brangelina und Marilyn Monroe. Jackson rückt unserer Celebrity Kultur zu Leibe, die ebenso sehr von der Darstellungssucht ihrer Protagonisten lebt, wie von unserer Obsession mit ihnen und die letztlich Phänomene wie Donald Trump überhaupt erst möglich gemacht hat. Was all ihre Bilder auszeichnet: ein unterkühlter, typisch britischer Humor, der in krassem Gegensatz zur Realsatire steht, die derzeit fast allabendlich in den Nachrichten zu sehen ist. Die Ausstellung ist bis zum 26. Januar zu sehen. no/dpa