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Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche : Solidarität mit den Stachelschweinen, Kunst aus dem Secondhand-Shop

So kriegt man sein Haus voll: Nicht die Zuschauer bezahlen, um etwas zu sehen, sondern sie werden bezahlt, damit sie etwas anschauen. Darauf muss man erst mal kommen. Leider geschieht das nur an einem Abend, und zwar im Berliner Kabarett „Die Stachelschweine“.

Die Spötterbühne ist wie alle bundesrepublikanischen Satirestätten, die einst für intelligenten Spaß und hitzige Diskussionen sorgten – siehe die Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ oder das Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ – mittlerweile in den medialen Hintergrund gerückt. Nicht nur, weil deren feste Ensembles (dabei waren in München unter anderem Dieter Hildebrandt, Klaus Havenstein, Ursula Noack, am Rhein Lore Lorentz, Ernst H. Hilbich, Harald Schmidt) längst Geschichte sind, weil eine Schwemme von Satiresendungen im Fernsehen ihnen das Wasser abgegraben hat und nicht zuletzt wegen Corona das Kulturleben in geschlossenen Räumen weitgehend brachliegt. Die Zeiten, da die Bundesbürger abends in die kleinen Theater strömten, um über die Toll- und Dummheiten der Politiker abzulästern und zu abzulachen, sind wohl unwiederbringlich vorbei. Der Kabarettist Frank Lüdecke dagegen, der vor einem Jahr „Die Stachelschweine“ übernommen hat, will nicht kampflos aufgeben. Monatelang konnten die Schweine, inzwischen ohnehin mehr Touristenattraktion als Anlaufstelle für Einheimische, nicht im politisch-moralischen Sumpf wühlen, weil Corona wütete. Die Kassen blieben erschreckend leer. „Es gibt eben einen Unterschied, ob ein Haus zu 85 Prozent gefördert wird oder gar nicht“, sagt Lüdecke. „Wir hangeln uns jetzt von Monat zu Monat, von Ausschüttung zu Ausschüttung.“ Sein Haus habe Soforthilfe des Landes bekommen, erhalte aber keine regulären Fördergelder. Es sei großartig, dass Kultur unterstützt werde, sagte der Kabarettchef. Er wünsche sich aber eine Debatte über die Verteilung. Man müsse einen Weg finden, damit möglichst alle gut durch die Krise kämen. „Die Stachelschweine“ gibt es seit mehr als 70 Jahren. Das erste Programm wurde im Herbst 1949 gezeigt. In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte sich das Haus zu einem der wichtigsten politischen Kabaretts in Westdeutschland. Dann verblasste der Ruhm. Im vergangenen Jahr gab es einen Neustart. Das Kabarett will am 28. August wieder öffnen. Einen Tag zuvor gibt es Geld fürs Publikum: „In der Voraufführung bezahlen wir die Zuschauer“, sagte Lüdecke. Arbeitslose, Hartz IV-Empfänger und Studenten sollen 15 Euro „Soforthilfe“ bekommen, andere 10 Euro. Damit wollten sie zum einen ironisch auf das Fördersystem blicken, zum anderem ihrem Publikum Danke sagen.

Humor gibt es nicht nur im Kabarett, sondern auch in der bildenden Kunst. Das Zürcher Duo „Lutz & Guggisberg“ will sein Publikum ebenfalls zum Lachen bringen. Ihre Objekte sehen teilweise aus, als wären in einem Kindergarten sämtliche Spielzeugkisten und -schubläden ausgeleert und mit dem Inhalt Figuren der absonderlichsten Art aufs Willkürlichste zusammengebaut worden. „Ofen, Geist und Meister“ ist, ziemlich rätselhaft, die Schau im Kunstmuseum Winterthur überschrieben, mit dem Andres Lutz (geboren 1968) und Anders Guggisberg (1966) den herkömmlichen Kunstbetrieb gehörig auf die Schippe nehmen. Gips- und Tonfiguren, Holzobjekte oder Fundstücke aus Brockenstuben, wie in der Schweiz die Gebrauchtwaren- oder Secondhand-Läden bezeichnet werden, sind oft Ausgangslage der Kunstwerke von Lutz & Guggisberg. In ihren raumgreifenden Installationen wie in ihren Kleinplastiken gehen unterschiedlichste gedankliche Welten eigenwillige Verbindungen ein, die traditionelle Kunstbegriffe ad absurdum führen. „Ofen, Geist und Meister“ vereint scheinbar unvereinbare Welten – von der Gemütlichkeit einer warmen Stube über philosophische Fragen bis hin zur Anspielung auf Absurditäten. Mit ihren Objekten wollen Lutz & Guggisberg den klassischen Kanon der Kunst dekonstruieren, wie das Museum auf seiner Homepage verkündet. Die Ausstellung ist bis zum 21. Januar zu sehen. no/dpa