Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden: Fanatiker und Heuchler

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden : Fanatiker und Heuchler

Es geht um Fanatismus, Verbohrtheit, Dummheit, Ahnungslosigkeit. Nein, wir reden hier ausnahmsweise nicht von jenen sogenannten politischen Führern, die sich etwa in den USA, Brasilien, Großbritannien oder Italien durch Unfähigkeit einen Platz in den Geschichtsbüchern als Negativ-Beispiele sichern werden.

Sondern um jene Eiferer, die noch weniger als jene Erstaufgeführten einen Hehl daraus machen, dass es ihnen vor allem um die Durchsetzung des eigenen wirren Verständnisses von dem geht, was gut für die Menschheit ist und wovor sie auf jeden Fall beschützt werden muss.  Zu den Letztgenannten gehört die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt die Folgen ihres Wütens am Beispiel von vier Orten: das vom IS verwüstete Mossul im Nordirak, die syrische Stadt Aleppo, die vom IS zerstörte antike Oasenstadt Palmyra in der syrischen Wüste und das weniger bekannte Leptis Magna. Letztgenannte Stadt an der libyschen Küste ist allerdings nicht durch Krieg oder Extremismus, sondern durch Vernachlässigung vom Zerfall bedroht. „Es sind Landschaften, die fast nicht mehr von unserem Planeten zu stammen scheinen“, sagt der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs. Mit Filmkameras ausgestattete Drohnen sind über die Landschaften geflogen und zeigen das Ausmaß der Verwüstungen. Der Besucher steht vor einer riesigen Leinwand und hat das Gefühl zu schweben. Er fliegt über das zerstörte Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, die von 2014 bis 2017 in der Hand des IS war. So weit das Auge reicht, sieht man Ruinen – eingestürzte Häuser, Trümmer, Autowracks. Plötzlich aber erwächst aus der Steinwüste die vom IS gesprengte Große Moschee des an-Nuri mit ihrem berühmten schiefen Minarett. Virtuell entsteht neu, was eines Tages vielleicht auch in Wirklichkeit wieder aufgebaut werden könnte .

Während die erste Ausstellung für Betroffenheit sorgt, dürfte die nächste Stoff für hitzige Diskussionen bieten. Es geht um Kinder und Nacktheit – ein Thema, das nach den Pädophilie-Skandalen auch in der Kunst immer schwieriger wird. Eine Ausstellung in der Kölner Galerie „Gold + Beton“ bricht jetzt bewusst mit dem Tabu. Die Galerie befindet sich in einer Beton-Unterführung direkt unter dem derzeit bekanntesten sozialen Brennpunkt von Köln, dem Ebertplatz, wo sich Drogendealer und Junkies zum Geschäftemachen treffen. Hinter der Ausstellung steht das Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule. Die fünf Künstler zeigen  Kinderfotos von sich selbst, die deren Eltern ohne jegliche Hintergedanken aufgenommen haben: Marcel Walldorf als Kindergartenkind nackt in ein Tierfell gewickelt; Nural Moser aus London als kleines Mädchen mit hochgezogenem Hemd – unbekleidet vom Bauchnabel bis zu den Zehenspitzen. Ein Schnappschuss ihrer Mutter, wie sie erklärt: „Es ist entstanden auf der Rückreise aus dem Urlaub. Morgens bin ich aus dem Auto raus – und es zeigt mich beim Pinkeln. Diesen Moment hat meine Mutter festgehalten, weil es etwas Freches hat.“ Das Kollektiv übt Kritik daran, dass wegen der Darstellung von Nacktheit auf Facebook unter anderem ein Bild der 30 000 Jahre alten „Venus von Willendorf“ entfernt wurde sowie das 1866 entstandene Gemälde „Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet – hier sieht man eine Frau mit geöffneten Schenkeln. Kein Wunder, dass die Berufsheuchler aus Amerika bei solchen Darstellungen im Dreieck springen – ist für die ja schon das Bild einer stillenden Mutter Pornografie pur. Zum Ausgleich sind die Netzwerker aus Kalifornien nicht so umsichtig, wenn es um die schnelle Löschung von Hasskommentaren auf ihren Seiten geht, die viele Menschen in die Verzweiflung treiben – und manchmal auch in den Selbstmord. no/dpa

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