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Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden: Jede Menge alte weiße Männer

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden : Jede Menge alte weiße Männer

Sage noch mal einer, alte weiße Männer hätten nichts mehr zu kamellen. Zugegeben, sie müssen wohl schon tot sein, um interessant zu bleiben (die lebenden alten weißen Männer, die ihrem Ruf gerecht werden, sind ja durchweg eine Pest), aber dann sind sie umso begehrter: Immerhin haben sich mehr als eine halbe Million Besucher im Frankfurter Städel Museum eingefunden, um einem  dieser Spezies zu huldigen: Vincent van Gogh, der Einohrige.

„Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ heißt die Ausstellung, die damit laut Museum die meistbesuchte Sonderschau in der Geschichte des Hauses ist. Die Ausstellung über den niederländischen Maler (1853-1890) war seit 23. Oktober 2019 geöffnet und ging am vergangenen Sonntag zu Ende. Im Zentrum stand die Entstehung des „Mythos van Gogh“ um 1900 sowie die Bedeutung seiner Kunst für die Moderne in Deutschland. Ähnlich rekordverdächtig war nur die Schau „Monet und die Geburt des Impressionismus“ (2015) im selben Haus, die exakt 432 121 Besucher hatten sehen wollen.

Zu den alten weißen Männern gehört auch ein anderer Maler, der es allerdings mittlerweile in die Riege der Umstrittenen geschafft hat. Die Kunsthalle Bielefeld präsentiert in ihren Räumen erstmals wieder ein Gemälde des Künstlers Emil Nolde. Das kleinformatige Werk „Rentner“ war 2018 nach Jahren in Privatbesitz auf dem Kunstmarkt aufgetaucht. Es galt lange als verschollen. Die städtische Kunstsammlung hatte das Gemälde 1929 erstmals erworben. In der NS-Zeit war das Bild mit 135 anderen aus der Sammlung entfernt und verkauft worden. Nolde (1867-1956) wurde von den Nazis zwar als „entarteter Künstler“ diffamiert, war aber auch NS-Parteimitglied, Antisemit, Rassist und bis zum Ende der NS-Zeit überzeugter Nationalsozialist (dass sich die Braunen auch untereinander nicht grün sind, ist bei den Blauen ja ebenfalls Usus). Noldes Nazi-Verbundenheit schien aber irgendwie erst kürzlich wieder ans Licht gekommen zu sein, so dass sich unsere Kanzlerin bemüht sah, dessen  Werke „Brecher“ und „Blumengarten“, die in ihrem Arbeitszimmer hingen, an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückzugeben. Der „Rentner“ hat die Kunsthalle übrigens 680 000 Euro gekostet; Geld, das von der Kulturstiftung der Länder, der Stadt und privaten Geldgebern aufgebracht worden war. Kann natürlich auch sein, dass der Kunsttempel damit seinen Beitrag zur aktuellen Grundrentendebatte leisten möchte. Der Knabe auf dem Gemälde sieht nämlich auch aus wie einer, der die Aufstockung dringend gebrauchen kann.

Apropos tote alte weiße Männer: Der Regisseur Frank Castorf (68) wurde ebenfalls schon mal dazu gerechnet. Vor einigen Jahren sei er im Ausland gewesen, als er einen Anruf aus dem Wiener Burgtheater bekommen habe, erzählte Castorf in Berlin. Jemand aus der Führungsspitze des Theaters habe sich erkundigen wollen, ob er noch lebe. Castorf vermutet, dass sich Schauspielkollegen einen Scherz erlaubt und in Wien angerufen hätten. „Und ich finde es lustig, den Tod ein bisschen zu verlachen.“ Es sei schön, mit der Möglichkeit, dass man nicht mehr lebe, zu spielen. „Man freut sich immer wieder, dass man wieder aufwacht. Das ist ja das Einzige, was wir haben.“ Ein wahrlich kafkaesker Moment, wie der Theatermacher meinte. Kafkaeske Erlebnisse begleiteten übrigens sein Leben, sagte der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne am Rande der Premiere von Ben Beckers neuem Solo-Stück „Affe“. Als Vorlage für die Inszenierung dient unter anderem ein Text von – Kafka. no/dpa