Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden Enträtselte Gemälde und die Porta50

Schlechte Zeiten für Kunstfälscher, noch schlechtere Zeiten für Experten, die sich auf den Nachweis von (echter und unechter) Kunst spezialisiert haben: Ihnen droht im schlimmsten Fall die Arbeitslosigkeit.

 Die Band „Crackerjacks“ fährt mit dem Heißluftballon vor der untergehenden Sonne über Cloppenburg und gibt ein Ballonkonzert.

Die Band „Crackerjacks“ fährt mit dem Heißluftballon vor der untergehenden Sonne über Cloppenburg und gibt ein Ballonkonzert.

Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Ausnahmsweise mal nicht wegen Corona, sondern wegen KI, bekanntermaßen keine Krankheit, sondern die Abkürzung für „Künstliche Intelligenz“. Das Massachusetts Institute of Technology hat eine Methode entwickelt, mit der die Entstehung von Gemälden durch Künstliche Intelligenz rekonstruiert werden kann. Das Programm nennt sich „Timecraft“. Es vollzieht die Pinselstriche von Künstlern nach und zeigt diese digital an. So wird selbst bei Werken von Meistern wie Claude Monet oder Vincent van Gogh der künstlerische Schaffensprozess sichtbar. „Diese KI-Anwendung birgt großes Potenzial für mehr Transparenz auf dem Kunstmarkt. Bei vielen Werken der alten Meister besteht der Verdacht, dass sie nur zum Teil von ihnen stammen. Haben mehrere Künstler an einem Gemälde gearbeitet, könnte die KI das anhand ihrer Pinselführung erkennen“, erläutert der Digitalisierungsexperte Thomas R. Köhler. „Timecraft“ rüttelt damit natürlich auch an den Wertefundamenten, auf denen die Werke seit Jahrhunderten stehen. Diese Innovation dürfte für Verkäufer eine eher weniger gute Nachricht sein, „da ein Werk, das nicht ausschließlich von einer Berühmtheit stammt, üblicherweise an Wert verliert“, so Köhler weiter. Die Entwickler von „Timecraft“ haben die KI mit Hilfe von „Machine Learning“ ausgebildet. Der Algorithmus hat 200 Videos analysiert, die den Malprozess von Gemälden im Zeitraffer zeigten. Anhand dieser Videos konnte die KI feststellen, welche Pinselstriche Künstler für ihre Bilder am wahrscheinlichsten verwendet haben. Laut den Forschern liegt „Timecraft“ in den meisten Fällen richtig. Nicht nur sei die Rekonstruktion von Malereien historisch faszinierend, sondern auch eine nützliche Lernmethode für angehende Künstler. Anhand der Daten können junge Talente lernen, wie die alten Meister ihre besten Werke kreierten. Dass auch ausgebildete Kunstfälscher sich bei „Timecraft“ wertvolle Tipps für ihr Handwerk holen können, ist natürlich eine andere Geschichte.

Die Optimisten sterben nicht aus. Zu denen gehört das Künstler-Kollektiv „Ruangrupa“ aus Jakarta.  Das soll die nächste „documenta“ in Kassel leiten. Gut, die findet erst 2022 statt; zu diesem Zeitpunkt könnte das Virus tatsächlich einigermaßen beherrschbar geworden sein. Also planen die zehn Frauen und Männer von „Ruangrupa“ bereits die Reisscheune, die zum Symbol der „documenta fifteen“ werden soll. „,Lumbung‘ ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird“, erklären die Organisatoren der „documenta“ dazu. Institutionen aus der ganzen Welt sollen sich zusammenschließen, „um gemeinsam Lumbung zu praktizieren. Jeder der Lumbung-Mitglieder wird einen Beitrag leisten und verschiedene Ressourcen wie Zeit, Raum, Geld, Wissen, Fürsorge und Kunst teilen und erhalten.“ Mit an Bord sind bereits  Initiativen aus Mali, Palästina, Kolumbien, Ungarn, Dänemark und das Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik.

Kunst und Kultur gern – aber möglichst weit weg vom Publikum. Unter diesem Motto hat die Band „Crackerjacks“ ein Konzert im Heißluftballon in Hunderten Metern Höhe über Cloppenburg gegeben, um damit auf die teils existenzbedrohende Lage vieler Musiker in der Corona-Krise hinzuweisen. Die ganze Stadt sei auf den Beinen gewesen, sagte Bandchef Chris Bruns: „Das war phänomenal, es hat alles geklappt, alles funktioniert, so wie es sollte.“ Das Beispiel könnte Schule machen: Auf diese Weise ließen sich die ausgefallenen Sinfoniekonzerte vom Theater Trier doch noch verwirklichen. Die Orchestermitglieder inklusive Dirigent schweben in 50 Heißluftballons über dem Porta-Nigra-Platz und beginnen – natürlich – mit der „Air“ von Johann Sebastian Bach.  Und aus Portawird Porta50. no/dpa

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