Rainer Noldens Kolumne Kulturwoche

Unterm Strich – die Kulturwoche : Mitgeschicktes und Ausgeliehenes

Es gibt viel zu sehen – schauen wir hin! Nach Weimar zum Beispiel. Dorthin zog es den 26-jährigen Johann Wolfgang von Goethe; ganz ohne Buschzulage siedelte er 1775 von Frankfurt in den Osten um. Dort hat er dann auch die restlichen 57 Jahre seines Lebens verbracht und offenbar eine Menge Fans gewonnen. Die haben ihrem Idol so einiges ins Haus geschickt: eine Verehrerin etwa eine Haarlocke, eine andere Kosakenbrot; sogar ein Faschingsorden befindet sich unter den Gaben.

Zugegeben: Es ist nicht einfach, sich den Schöpfer von Egmont, Erwin und Elmire luftschlangengeschmückt und angeheitert schunkelnd in einer Kappensitzung vorzustellen. Aber ganz humorfrei kann er nicht gewesen sein, hat er doch auch das – heutzutage leider nur noch selten aufgeführte – „Jahrmarktsfest zu Plundersweilen“ oder den ebenso länger nicht inszenierten „Bürgergeneral“ geschrieben. Hätte damals schon Willy Millowitsch sein Theater eröffnet – wer weiß, ob JWG, wie seine Fans ihn liebevoll nannten, nicht auch „Der Etappenhase“ eingefallen wäre. Zurück nach Weimar: Dort werden die oben erwähnten und noch zahlreiche andere Devotionalien im Goethe- und Schillerarchiv bis zum 22. Juli gezeigt.

Die Ausstellung „Allerlei Mitgeschicktes“ zeichne ein in Aspekten bislang unbekanntes Bild Goethes und seiner Zeit, teilte die Stiftung mit. Nach ihren Angaben sind insgesamt rund 20 000 (!)  Sendungen von 3500 Absendern an Goethe überliefert. Unter den Geschenken finden sich allerdings keine Dessous von Bewunderinnen. Entweder haben die Aussteller diese sehr persönlichen Erinnerungsstücke bewusst ausgeklammert, oder der Dichter hat keine bekommen, obwohl sein Frauenverschleiß beachtlich war und sich manches Klassikerbetthäschen gewiss gern länger bei ihm in Erinnerung gewähnt hätte. Durchaus möglich allerdings, dass das öffentliche Verschenken intimer Kleidungsstücke erst mit dem Auftreten von Tom Jones so recht in Mode gekommen ist.

Emmanuel Macron begibt sich auf sehr dünnes Eis. Nein, nein, so abrupt, wie es auf den ersten Blick scheint, ist der Themenwechsel nicht. Denn es geht weiterhin um Dinge, die man anschauen kann. Aber der Reihe nach: Der weltberühmte Teppich von Bayeux – so benannt, weil er im Museum im nordfranzösischen Bayeux hängt – könnte zeitweise von Frankreich an Großbritannien ausgeliehen werden. Frankreichs juveniler Präsident will darüber beim bilateralen Gipfel mit Premierministerin Theresa May in Sandhurst sprechen. Die fast 70 Meter lange Wollstickerei aus dem elften Jahrhundert gilt als einzigartig. Der Wandteppich schildert die Einnahme Englands 1066 durch Wilhelm den Eroberer, der Herzog der Normandie war.

Monsieur le Président, ist das Ihr Ernst? Großbritannien steht kurz vorm Abfall von Europa, und da geben Sie eine solche Kostbarkeit – sie gehört immerhin zum Weltdokumentenerbe der UN-Kulturorganisation Unesco – in die Hände von vollkommen fremden Menschen und Kulturen??? Zumal das äußerst fragile Kunstwerk dafür erst restauriert werden müsse, wie es heißt, so dass nicht mit einer Ausleihe vor 2020 zu rechnen sei. Die Stadt Bayeux weist daher vorsorglich darauf hin, es müssten mehrere Bedingungen erfüllt sein. So sei eine Partnerschaft zwischen dem örtlichen Museum und britischen Kultureinrichtungen nötig. Bisher gebe es keine offizielle Anfrage; die letzte stamme aus dem Jahr 1956 anlässlich der Krönung von Elisabeth II.. Queen hin, Königin her: Wer weiß, wie Albions Söhne und Töchter fast 70 Jahre später ticken. Gut möglich, dass sie die Geschichte im Nachhinein zu ihren Gunsten umdeuten und den normannischen Sieger Wilhelm zum Verlierer umweben. Womit übrigens ganz nebenbei bewiesen wäre, dass alternative Fakten ein ziemlich alter Hut sind. no/dpa