1. Meinung

Unterm Strich – die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Unterm Strich – die Kulturwoche : Dicke Luft und ein weiter Regenbogen

Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft …“ Als Paul Lincke das Lied 1904 schrieb, gab es noch keine Umwelt. Sonst hätte sein Texter Heinrich Bolten-Baecker wohl kaum so fortfahren können: „...So mit ihrem holden Duft, Duft, Duft, / Wo nur selten was verpufft, pufft, pufft, / In dem Duft, Duft, Duft …“ Na ja.

Inzwischen verpufft eine Menge zwischen Pankow und Rudow. Was dazu geführt hat, dass Berlin mittlerweile auf den Rang eines ESC-Teilnehmers gerutscht ist – auf Platz 219, also ferner liefen, und sich mit dem Prädikat „dreckigste deutsche Stadt“ schmücken darf. Es dauert übrigens ganze 28 Plätze, bis zum ersten Mal der Name einer deutschen Stadt auf der Liste auftaucht: Göttingen verteigt den 29. Rang. „Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht“, schrieb Heinrich Heine in seiner „Harzreise“. Ob der relativ vordere Platz eine Konsequenz aus seinem Diktum ist – dies zu eruieren, dürfte den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Nachgetragen sei noch, dass die Gewinner dieses Rankings Schweden und Finnland sind. Zu blöd nur, dass sich dort, wie eifrige Fernsehzuschauer bestätigen werden, immer die dunkelsten Verbrechen ereignen.

Nächstes Jahr ist es wieder so weit: in Oberammergau finden die Passionsspiele statt. Zwei Jahre später als geplant. Dank Corona. Dass sie überhaupt stattfinden, ist ja auch einer Seuche zu verdanken – der Pest.1633 wurden 80 Oberammergauer Opfer der Epidemie. Daraufhin machten die Bürger des Ortes einen Deal: Sie würden regelmäßig ein Passionsspiel aufführen, wenn sie fortan von der Pest verschont blieben. Und siehe da: Das Wunder traf ein. Vom Schwurtag an ist keiner mehr an der Seuche gestorben. Höchste Zeit also, diesen Schwur zu erneuern. Und daran arbeitet derzeit der Regisseur und Theaterintendant Christian Stückl. Obwohl er „die katholische Kirche in die Bedeutungslosigkeit driften“ sieht. „Selbst auf den Dörfern heraußen verliert die Kirche völlig an Substanz. Die Leute gehen nicht mehr in die Messe, sie treten aus der Kirche aus“, sagt der Leiter der Oberammergauer Passionsspiele. Kirche sei nicht mehr Teil der Gesellschaft. Trotzdem hofft er natürlich auf zahlreiche Zuschauer, wenn er das große Bibeldrama zum mittlerweile vierten Mal inszeniert. Der Ehrenbürger Oberammergaus, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, hat die Passion in vieler Hinsicht erneuert. Insbesondere befreite er sie von antisemitischen Zügen. Also ziemlich revolutionär. Aber dafür zeitgemäß. Was man ja nicht von allem Klerikalen behaupten kann.

Nach Österreich kann man wieder bedenkenlos ein-  und durchreisen. Und in Wien Station machen, um ins Museum zu gehen. Sogar mit Kindern. Die werden sich bestimmt nicht langweilen. Denn sie können den größten Regenbogen der Welt bewundern. Gemeinsam mit dem Belvedere hat der in New York lebende Schweizer Künstler Ugo Rondinone (Jahrgang 1964) nämlich Kinder im Volksschulalter eingeladen, Regenbogen-Bilder zu malen. Dabei entstand das Gemeinschaftswerk „your age and my age and the age of the rainbow“ („dein Alter und mein Alter und das Alter des Regenbogens“). Rund 1600 Volksschüler(innen) haben die 70 Meter lange Installation angefertigt, die aus insgesamt 1085 Regenbogen-Tafeln besteht. Der Regenbogen wird hier nicht nur zum eindrucksvollen Naturschauspiel, sondern auch zum Symbol für Frieden, Gleichheit, Toleranz und die Verbindung von Himmel und Erde. Das farbenprächtige Spektakel ist bis zum 1. November zu sehen. no/dpa