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Unterm Strich – Die Kulturwoche: Twitterer, Rosenkavaliere und Pinguine

Unterm Strich – Die Kulturwoche: Twitterer, Rosenkavaliere und Pinguine

Die einen nennen es billige Anbiederei, die anderen zeitgemäße Kunstform: Das gute alte Residenztheater in München lässt twittern.

Bei der Aufführung von Jean Pauls "Flegeljahre" heute Abend im Resi dürfen fünf "Twitter-Statisten" aus dem Publikum auf der Bühne sitzen und live ins Internet zwitschern, was sie dabei gerade so erleben. Ob sie zwischendurch noch ein bisschen bei Facebook surfen, damit sie sich nicht die ganze Zeit mit einem langweiligen Theaterstück befassen müssen, darüber wurde nichts mitgeteilt.Gut, dass der Sänger-Ruheständler Thomas Quasthoff da nicht im Saal sitzt. Der große Bariton, der inzwischen Musikkabarett macht, hätte den Verantwortlichen womöglich lautstark seine Meinung gegeigt. So wie gestern vor seinem Auftritt im Stuttgarter Renitenz-Theater. Da bezeichnete er die großen Klassikfestivals wie Salzburg als "Farce". Die Stimmen seien austauschbar, und es gehe "mehr um Karrieren als um Musik".
Das mit dem Schimpfen ist im Klassik- und Opernbusiness weit verbreitet. Mal sehen, wie es einem Quereinsteiger wie Christoph Waltz da ergeht. Der oscarprämierte Schauspieler gibt am Wochenende sein Debüt als Opernregisseur, mit dem "Rosenkavalier" von Richard Strauss in Antwerpen. Das Publikum wird sicher vor Begeisterung toben - aber wie gnädig reagieren die Kritiker? Wir als Luxemburg-Anrainer haben es besser: Die komplette Waltz-Produktion samt exquisiter Starbesetzung kommt im Februar ins Grand Théâtre.
Großes Theater findet manchmal auch in Ausstellungssälen statt. So wie im Gasometer Oberhausen, wo die Christo-Installation "Big Air Package" zum Jahresende entschwindet. Die 90 Meter hohe, Ballon-artige Innenraumskulptur hat in den vergangenen neun Monaten sagenhafte 400.000 Besucher angezogen, so die erste Bilanz der Betreiber. Für die Installation wurden 20.000 Quadratmeter Stoff gebraucht.
Da war das transparente Iglu, das die Band Metallica für ein Konzert am Südpol aufstellen ließ, schon etwas bescheidener. Gespielt wurde am vergangenen Sonntag vor 19 handverlesenen Fans. Zum Schutz der sensiblen Pinguine und Robben ohne Lautsprecher, zu hören war die Musik nur über Kopfhörer. Fünf Tage war man per Schiff unterwegs, um die König-Georg-Insel zu erreichen. Und der Sinn des Spektakels: Es handelte sich um das Gewinnspiel eines Herstellers von brauner Brause.