1. Meinung

Unterm Strich - die Kulturwoche von Rainer Nolden

Die Kulturwoche : Glückliche Tage und Kunst zum Vorbeifahren

What?????!!!!!! Deutscher Oscar Beitrag???? Grüße aus dem krassesten Wechselbad der Gefühle EVER“. Zugegeben, das sind nicht gerade druckreife Sätze, und beim Gegencheck hätte der – oder in diesem Fall die – Interviewte gewiss den Rotstift angesetzt.

Wenigstens geben sie die ungefilterten Gefühle der Regisseurin Julia von Heinz wieder, als sie die Nachricht ereilte, ihr Film sei für das Wettrennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Beitrag ausgewählt worden. Darin thematisiert die 44-Jährige den Vormarsch von rechtem Extremismus und Populismus und wo die Grenzen liegen, um solche Irrläufer zu stoppen.

Im Mittelpunkt des Politdramas „Und morgen die ganze Welt“ steht die Jurastudentin Luisa, die sich in linken, antifaschistischen Kreisen engagiert. Im Kampf gegen Rechte und Neonazis schrecken ihre neuen Freunde nicht vor Gewalt zurück, und Luisa muss entscheiden, wie weit sie selbst bereit ist zu gehen. „In einer Zeit, in der die Demokratie zunehmend unter Druck gerät, stellt Julia von Heinz die Frage, ob und wenn ja, wann Gewalt gerechtfertigt oder sogar notwendig ist“, begründeten die Juroren ihre Entscheidung. Sie lobten die herausragende Leistung von Hauptdarstellerin Mala Emde ebenso wie die Kamera. Zudem konfrontiere der Film die Zuschauer mit Konflikten und Entscheidungsprozessen, denen sie sich nicht entziehen könnten. „Ein persönlicher Film von großer, emotionaler Wucht“, so das abschließende Votum. „Und morgen die ganze Welt“ hat sich gegen neun andere Filme durchgesetzt, darunter die Literaturverfilmung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link (die damit ihren zweiten „Oscar“ nach „Nirgendwo in Afrika“ hätte gewinnen können), Oskar Roehlers biografischer Film „Enfant Terrible“ über das Leben des Filmgenies Rainer Werner Fassbinder und „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani. Angesichts der desolaten Lage, in der sich die USA dank des „besten Präsidenten aller Zeiten“ befinden dürfte „Und morgen die ganze Welt“ auch jenseits des Atlantiks auf reges Interesse stoßen und – vielleicht sogar als warnendes Beispiel – ausgezeichnet werden.

Julia von Heinz führte Regie in dem Film, der nun für einen Oscar nominiert ist. Foto: dpa/Imagespace

Nach den neuesten Entscheidungen aus Berlin zum zwischenmenschlichen Verhalten geht es bei Kunst- und Kulturinstituten nun wirklich ans Eingemachte. Darf noch jemand ins Theater? Ins Konzert? Oder Museum? Die Museumsmacher des Javett-Kunstzentrums im südafrikanischen Pretoria hatten da eine gloriose Idee, um Corona ein Schnippchen zu schlagen. Statt sich über den Lockdown nicht lange nach der Eröffnung im September 2019 zu ärgern, wandelte das Haus seine Tiefgarage in eine „Drive-in-Ausstellung“ um. Bei der befahrbaren Kunstausstellung können Besucher – durch die Autoscheibe vor Virengefahren geschützt – die ausgestellten Holz-Skulpturen von bisher weitgehend unbekannten heimischen Künstlern bewundern. Nach der Lockerung der Corona-Beschränkungen in Südafrika wurde jetzt die Ausstellung gerade verlängert – nun aber auch für Besucher ohne Auto. Hierzulande wird man darauf wohl noch einige Wochen warten müssen. Und ob es wirklich eine so gute Idee ist, bis dahin Skulpturen in die Tiefgaragen zu packen und von Auspuffgasen anblasen zu lassen, darf bezweifelt werden. Es sei denn, der Kunstinteressierte fährt mit dem E-Mobil vor. no/dpa