1. Meinung

Unterm Strich - Die Kulturwoche: Von Schweizer Fremdschämern und Bonner Klartextern

Unterm Strich - Die Kulturwoche: Von Schweizer Fremdschämern und Bonner Klartextern

Das nicht unbedingt weltoffene Votum der Schweizer in Sachen Zuwanderung hat die Künstler aus dem Land der Eidgenossen nicht ruhen lassen. Er schäme sich für seine Landsleute, ließ der Doyen der Literaturszene, Adolf Muschg, wissen.

Der 79-Jährige forderte gar Sanktionen Europas, damit "die Schweiz einmal merkt, was sie anrichtet". Peter Stamm, Muschg-Landsmann und Mainzer Stadtschreiber, verwies auf das Phänomen, dass der Volksentscheid "da die meisten Stimmen bekam, wo die wenigsten Ausländer leben".

Gäbe es in Stuttgart Volksabstimmungen, müsste man womöglich um die Existenz der dortigen Oper bangen. Denn deren fällige Renovierung soll nach Pressemeldungen mehrere 100 Millionen Euro kosten. In Köln und Berlin ist die Sanierung der Opern-Kulturtempel mit verplanten 250 und 300 Millionen auch nicht gerade billig.
Bei der Bonner Oper hat der neue Intendant Bernhard Helmich dem Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch öffentlich mitgeteilt, was manche Intendanten ihren Dienstherrn gerne zurufen würden, aber nie zu sagen wagen: Nimptsch sei "ein einsamer Sektierer auf einem sinnlosen Kreuzzug", dessen "kulturfeindlicher billiger Populismus" deutschlandweit einen "katastrophalen Eindruck" von Bonn verursache, schimpfte der Intendant. Hintergrund war ein erneuter Vorstoß des OB für eine Fusion der Opernhäuser Bonn und Köln. Helmich war übrigens Anfang der 90er Jahre Presse-Dramaturg am Trierer Theater und wurde später zeitweilig als Kandidat für die Kindermann-Nachfolge gehandelt.

Dornröschen im Rotlicht-Milieu, Partydrogen, schräge Kostüme: Das hatten wir im Trierer Tanztheater schon vor Jahren. Jetzt hat auch das vielgerühmte Ballett des Mainzer Staatstheaters entdeckt, dass man Grimms Märchen anno 2000 auch ganz anders lesen kann. Immerhin leistet man sich in der Landeshauptstadt mit Sofia Crociani eine Lagerfeld-Designerin für die Kostüme. Für den scheidenden Ballettchef Patrick Touzeau war es die letzte Produktion in Mainz - was er mit einer Vorstellungslänge von dreieinhalb Stunden reichlich auskostete.
Das Museum Schloss Moyland im niederrheinischen Bedburg kostet dagegen einen Sieg vor Gericht aus: Nach fünf Jahren darf man endlich wieder die Fotos einer Aktion des Künstlers Josef Beuys aus dem Jahr 1964 ausstellen. Beuys' Witwe Eva hatte gegen das Zeigen der Bilder einer "Fettecken-Aktion" geklagt - aus Gründen des Urheberschutzes. Nach mehrjährigen Prozessen hatte der Bundesgerichtshof 2013 zugunsten des Museums entschieden.

Nicht museal, aber durchaus konservativ zeigte sich US-Popstar Taylor Swift am Wochenende in der Berliner O2-Arena beim einzigen Deutschland-Konzert. Keine Skandale, keusche Kostüme in knalligem Rot, eine bildmächtige, aber provokationsfreie Bühnenshow - und Mami Swift war auch dabei. 11.000 Fans waren begeistert.

Dieter Lintz