1. Meinung

Unterm STrich - die Kulturwoche zum Tod von Larry Flint

Die Kulturwoche : „Let‘s show it“

Ein gewaltiges Erdbeben erschütterte den amerikanischen Kontinent nicht nur entlang des notorischen San-Andreas-Grabens in Kalifornien, als 1974 erstmals ein „Magazin“ erschien, das den Titel Strichjunge, Gauner, Abzocker, Nutte trug – oder kurz und knapp auf den Punkt gebracht: „Hustler“.

Entblößte Körper vom Scheitel bis zur Sohle, von hinten und von vorne und alles dazwischen abgebildet und das in einem Land, das sich für Gottes eigenes hielt und in dem Prüderie und Heuchelei eineiige Zwillinge waren (und sind). Nicht nur Evangelikale und ähnlich verstrahlte Zeitgenossen heulten vor Empörung auf, entrüsten taten sich auch liberalere Menschen, die beim Anblick nackter Busen nicht gleich in Ohnmacht fielen und die durchaus wussten, dass man zur Arterhaltung (und manchmal nur zum Spaß) … nun, eben „das“ machen musste.

„Let‘s do it“ war 1928 ein Song, in dem Cole Porter auf witzige Weise das Liebesleben unter anderem von Eskimos und Quallen beschrieb – natürlich auch nur freigegeben ab 18 (bzw. damals 21). „Let‘s show it“ hieß ab 1974 das Motto von Larry Flint, unter dem er ein Werbeblättchen names „Hustler“ unters Volks brachte, mit dem er für seinen ersten Stripclub warb. 22 Jahre war er damals alt, hatte gerade den Militärdienst hinter sich gebracht und sozusagen sein Start-up gegründet. Zwar gab es bereits „Playboy“ (seit 1953) und „Penthouse“ (1965), aber diese Hochglanzzeitschriften kaufte man natürlich in erster Linie wegen der intellektuellen Essays und der tiefgründigen Interviews mit Schauspielern und Schriftstellern. Die nackten Mädels, die sich zwischen das Gedruckte drängten, nahm man notgedrungen in Kauf. Larry Flint dagegen druckte Tacheles, sozusagen. Er zielte immer unter die Gürtellinie und traf stets mit traumwandlerischer Sicherheit. Ein Gentleman durfte man in diesem Gewerbe nicht sein, und das war er auch nicht. Zeit seines Lebens umstritten, wurden ihm und seinen Zeitschriften immer wieder widerwärtiges und obszönes Verhalten vorgeworfen.
Über mangelnde Schlagzeilen konnte er sich nicht beklagen – etwa 1975, als Flynt von Paparazzi geschossene Nacktfotos der früheren First Lady Jacqueline Kennedy Onassis veröffentlichte. Alles im Namen des Kampfes gegen Zensur und für die Meinungsfreiheit. Den  hatte sich Flynt stets auf seine Fahne geschrieben. Unzählige Male stand er vor Gericht, er landete auch kurz im Gefängnis. Wegen Verbreitung von Pornografie wurde er 1977 zu einem Vierteljahrhundert hinter Gittern verurteilt, ein Berufungsgericht hob das Urteil aber wieder auf. 1984 kandidierte er bei der Präsidentenwahl (vermutlich immer noch die bessere Alternative zum jüngst in die Wüste geschickten „Präsidenten“, gegen den Flynt vier lange Jahre intensiv zu Felde zog).  Zustatten kam Flynt, in ärmlichen Verhältnissen in den ländlichen geprägten Staaten Kentucky und Indiana aufgewachsen, das Aufbegehren der jungen Amerikaner, die gegen Ende der 1960er Jahre gegen das Establishment und den Vietnamkrieg und für die freie Liebe auf die Straße und ins Bett gingen: Make love, not war. Auf dem Kamm dieser Welle konnte Flynt gut mitschwimmen. Nach einem seiner zahlreichen Gerichtstermine wurde er 1978 in Georgia aus dem Hinterhalt angeschossen. Danach war er von der Hüfte abwärts gelähmt. Zu besonderen Anlässen fuhr er in einem vergoldeten Rollstuhl vor. Mit dem Film „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ zollte Oscar-Preisträger Milos Forman („Einer flog über das Kuckucksnest“, „Amadeus“) dem Verleger einen Tribut, der 1997 bei der Berlinale den Goldenen Bären erhielt. Flynt gefiel die Verfilmung seines Lebens und auch deren Hauptdarsteller Woody Harrelson. Er fühle sich geehrt, sagte Flynt, schließlich werde selten das Leben eines Mannes verfilmt, der noch lebe. Jetzt nicht mehr: Im Alter von 78 Jahren ist er in Los Angeles gestorben, gut 100 Jahre nach Marquis de Sade. Der gilt heute als anerkannter Klassiker. Mal schauen, was die Menschheit 2120 über Larry Flint sagt. Rainer Nolden