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Unterm Strich – Die Kulturwoche

Unterm Strich – Die Kulturwoche

Kulturbeflissene Eurokraten, arbeitslose Stadtmusikanten, gekappte Freischützen

Anstrengender Reisetourismus für europäische Kulturpolitiker: Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres mussten sie am vergangenen Wochenende ins slowenische Maribor reisen, morgen läutet dann die Partner-Hauptstadt Guimarães in Portugal das Kulturjahr ein. So richtig nach Feiern ist nicht allen zumute: In Slowenien regierte schon im Vorfeld der Rotstift, der Etat wurde auf die Hälfte zusammengestrichen, langfristig wirkende Baumaßnahmen für Kulturinstitutionen völlig gekappt. In Portugal träumt man dagegen davon, die Provinzstadt, 350 Kilometer von Lissabon entfernt, mit Hilfe der internationalen Aufmerksamkeit nun für den Tourismus zu profilieren.

Ein Profil ganz anderer Art pflegt das Bremer Theater, das in den vergangenen Jahren eher als Haus gediegener Unterhaltung firmierte. Mit dem Stück Alt8ArmArbeitslos schaltet sich die Bühne in aktuelle Debatten ein, der als Politprovokateur bekannte Regisseur Volker Lösch verquickt die Geschichte der "Bremer Stadtmusikanten" mit aktuellen Schicksalen von Jobsuchenden. Und nicht nur Schauspieler sind mit von der Partie, sondern auch 18 Arbeitslose. Bei der Premiere am Sonntag war das Haus voll, das Publikum zeigte sich begeistert, die Kritik sprach von "turbulenter Sozialkritik".

Das Schauspielhaus Hamburg liefert den idealen Kontrapunkt: Dort hat man vergangenen Freitag den Feine-Leute-Roman "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald für die Bühne aufbereitet. Die Selbstbespiegelung der "besseren Kreise" im Vorfeld des Börsenkrachs 1929 wurde mit freundlichem Applaus bedacht. "Rasant, aber ohne Tiefe" urteilte der Kritiker der dpa.

Rasant muss es auch zugegangen sein beim Regiedebüt von Schauspieler Dominique Horwitz mit der Oper "Der Freischütz" in Erfurt. Schon nach gut 100 Minuten war am Samstag vorbei, was sonst inklusive Pause meist drei Stunden in Anspruch nimmt. Horwitz strich zusammen, stellte um, spitzte zu - das alles in sehr eigenwilligen Kostümen mit "Auswüchsen" an Gliedmaßen und Körpern. Ein Teil des Publikums war restlos begeistert, ein anderer Teil restlos bedient.

Für eine strittige Betrachtung war auch der britische Pop-Art-König David Hockney immer gut. Heute, da er 74 ist, ist er längst zu everybody's darling geworden, wird gar gerne mit 8William Turner vergleichen. Vor allem, seit er sich auf Landschaftsbilder aus Yorkshire ka8priziert hat. Die Ausstellung "David Hockney: Im großen Rahmen" in der Royal Academy zu London zeigt 150 Werke, darunter Ölgemälde, aber auch Kohlezeichnungen und Video-Installationen. Das Format ist überwiegend riesig, die Farben kraftvoll-leuchtend, die Räume weit. Wer die Mammut-Schau sehen will, muss nicht unbedingt auf die Insel - ab Ende Oktober kommt sie nach Köln.

Nicht mehr zu sehen kriegen wird man die Biermösl Blosn. Die bayerische Kult-Kapelle mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Kabarett, Satire, Brauchtum und musikalischem Können hat sich am Dienstag in Fürth von der Bühne verabschiedet. Nach 30 Jahren und 3500 Auftritten. Natürlich unter tatkräftiger Mitwirkung ihres Spezis Gerhard Polt. Noch einmal wurde die bayerische Obrigkeit nach allen Regeln der Kunst durch den Kakao gezogen. Künftig gehen die drei Well-Brüder getrennte Wege. Böse werden sie hoffentlich bleiben. Dieter Lintz