1. Meinung

Unterm Strich - Die Kulturwoche

Unterm Strich - Die Kulturwoche

Dass es im deutschen Bundeskanzleramt poetisch zugeht, wird so schnell wohl niemand behaupten. Heute aber ist alles anders: Zum Welttag der Poesie an diesem Freitag hat die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters sechs junge Lyriker aus fünf Kontinenten in die Herzkammer der Macht eingeladen.

Dass die Politik der Kanzlerin deshalb künftig ein Gedicht ist, darf freilich bezweifelt werden. Eher ungereimt geht es weiter am Wiener Burgtheater zu: Der geschasste Intendant MatthiasHartmann hat sich so en passant wegen Steuerhinterziehung bei Gagen selbst angezeigt - bevor es irgend ein Intrigant tut. Derweil heißt es in der Chefetage: Vorwärts, es geht zurück. Nachfolgerin von Hartmann wird Karin Bergmann, die wegen Hartmann 2010 in Ruhestand gegangen war.

Sie kommt ebenso aus der Truppe des Burg-Veteranen Claus Peymann wie der neue Chefberater Hermann Beil. Fehlt nur noch, dass Altmeister Peymann vom Olymp des Berliner Ensembles aus wieder gen Aus tria zieht. Doch das sind Luxusprobleme angesichts neuer Nachrichten aus den USA: Dort schließt die Oper San Diego ihre Pforten. Kaum spendable Sponsoren, nachlassendes Interesse an der Kunstform Oper: Ähnliche Pro bleme gab es auch in Cleveland, Boston, Baltimore. Zuletzt strich 2013 die renommierte New York City Opera wegen Zahlungsunfähigkeit die Segel. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint Musiktheater zunehmend unmöglich zu werden. Im ansonsten armen Städtchen Worms sieht es hingegen so aus, als ob das Geld für die Nibelungen-Festspiele nie knapp würde.

Diese Woche präsentierte Neu-Intendant Nico Hofmann überraschende Ideen für das Programm. Weg vom Spektakel, weg vom Fantasymärchen, mehr Theaterkultur: Das klingt ganz anders als bei Dieter Wedel, dem Master of Ceremony. Hofmann holt Albert Ostermaier als Hausautor, sucht junge Regisseure und große Bühnendarsteller. Es soll mehr Nebenreihen geben, einen Autorenwettbewerb. Klingt gut, aber anspruchsvoll. Und weniger nach Kassenschlager. Da muss man die Daumen drücken. Robert Lebeck pflegte hingegen den Zeigefinger zu drücken - und zwar auf den Auslöser seiner Kamera. Sechs Jahrzehnte fotografierte er für Stern und Geo die Welt, als Grenzgänger zwischen Bildjournalismus und Fotokunst. Willy Brandt, Romy Schneider, Alfred Hitchcock, Joseph Beuys: Seine Motive waren die großen Köpfe des 20. Jahrhunderts.

Die Hamburger Flo Peters Gallery zeigt von heute bis zum 17. Mai eine umfassende Fotosammlung von Lebeck, der heute 85 Jahre alt wird. Übermorgen ist dann Michael Nyman dran: Der englische Komponist feiert seinen 70. in der Royal Albert Hall mit einem Konzert eigener Werke. Seine Filmmusiken ("Das Piano", "Der Kontrakt des Zeichners") haben Opern-Qualität, auch Videospiele und Modenschauen hat er mit seinen minimalistischen Klängen illustriert. Dieter Lintz