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Wie berühmte Künstler die Corona-Zeit gestalten - von Jelinek bis Mitsuko Uchida

Die Kulturwoche : Kreativ vorm Weltuntergang

Ich bin froh, dass ich mal richtig schlecht spielen kann.“ Das sagt die britisch-japanische Pianistin Mitsuko Uchida, die normalerweise genau das nicht zu tun bemüht ist. Aber da sie derzeit nur im heimischem Wohnzimmer auftritt, kümmert es weder Publikum noch Kritiker.

(Ja, eigentlich wollten wir nicht darüber reden, aber gibt es derzeit wirklich ein anderes Thema? Na bitte!) Wenigstens Mrs. Uchida kann beim Spielen alles andere vergessen, selbst dieses Dings … Sie wissen schon. Auch, dass Chopin ihretwegen ein bisschen beleidigt ist, wie sie sagt, weil sie sich zu viel mit der Musik deutscher Komponisten  beschäftigt habe. Jedenfalls hat sich der Franzose aus Polen beharrlich geweigert, bei ihr gut zu klingen, als sie ihn sich das letzte Mal vorgenommen hat. Während der auftrittsfreien Zeit versucht sie nun, seine Liebe zurückzugewinnen. Aber noch muss sie etwas anderes tun (Freddy, bitte weghören!): nämlich jeden Tag Beethovens Diabelli-Variationen üben, die sie Ende April (eigentlich) aufnehmen will.

Ihr Kollege Michael Tilson Thomas, Chefdirigent des San Francisco Symphony Orchestra, komponiert derweil einen fröhlichen Song, der auf einem Duett basiert, das er als Fünfjähriger mit seinem Vater zu singen pflegte. Das Einzige, was ihm noch fehlt, sind die Worte. Es soll ein bisschen wie „Home on the Range“ werden (kennen Sie doch, oder? Hier, Sie haben ja jetzt Zeit, zum Mitsingen: „Oh, give me a home where the buffalo roam / Where the deer and the antelope play / Where seldom is heard a discouraging word / And the skies are not cloudy all day …“)

Und der israelische Pianist Benjamin Hochman, normalerweise die meiste Zeit des Jahres irgendwo in der Welt unterwegs, nutzt die reisefreie Zeit, um sich einen ganz und gar unpianistischen Brocken anzueignen: das komplette „Rheingold“ will er mit zehn Fingern bewältigen.

Wenn sich Pariser nicht wohlfühlen, müssen sie derzeit nicht unbedingt zum Arzt. Sprechstunden bieten auch Schauspieler des Pariser Stadttheaters an. Deren Dienstzeiten sind  von Montag bis Samstag zwischen 10.30 und 11.30 Uhr sowie 17 und 18 Uhr. In dieser Zeit lesen sie Patienten, die sich online angemeldet haben, Texte vor, nachdem sie sich vorher nach dem Gemütszustand der Anrufenden erkundigt haben. Sollte der allzu labil sein, werden sie vermutlich von Albert Camus’ „Die Pest“ abraten.

Präsentieren am Karfreitag gemeinsam mit anderen bekannten Österreichern in einer Radio-Marathonlesung das Werk „Der Tod, das muss ein Wiener sein“: Schauspieler Klaus Maria Brandauer und die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Foto: picture alliance/dpa/Uwe Anspach

Genau diesen Roman haben sich die Österreicher vorgenommen – wie könnte es anders sein bei dieser weltschmerzverliebten Nation? (Schon Georg Kreisler wusste: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“.)  Am Karfreitag präsentieren bekannte Österreicher(innen) das Werk in einer Marathonlesung im Radio, darunter die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, „Tatort“-Darstellerin Adele Neuhauser („Bibi Fellner“), ORF-Moderator Armin Wolf, der Schauspieler Klaus Maria Brandauer und die Autorin Stefanie Sargnagel (keine Witze mit Namen – die alte Journalistenregel funktioniert hier leider nicht). Insgesamt sollen 120 Menschen den 1947 verfassten Roman innerhalb von zehn Stunden vorlesen. Danach, soviel dürfte sicher sein, wird bestimmt kein Österreicher mehr auf absehbare Zeit seine Wohnung verlassen wollen. no/dpa