1. Meinung

Verdammtes Establishment

Verdammtes Establishment

Mal Hand aufs Herz: Gehören Sie zum Establishment? Also zu jener Gruppe, die ja nun wirklich alles verbockt?

Das wissen Sie gar nicht so genau? Dann machen wir jetzt einen kleinen Test. Je eindeutiger die Bewertung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Teil des Problems sind.

Sind Sie Politiker vom alten Schlag (vielleicht auch nur einer, der sich in seiner Freizeit als Ortsbürgermeister oder Gemeinderat für die Belange der Kommune einsetzt)? - Schlecht.

Sind Sie Journalist? - Ganz übel.

Sind Sie wohlhabend oder haben reiche Eltern? - Oh je.

Sind Sie mit Ihrer persönlichen Lebenssituation zufrieden, auch wenn Sie nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren sind? -Mitläufer.

Bekleiden sie eine Führungsposition, haben Sie Macht (in der Firma, der Politik, im Verein, sonst wo)? - Jesses!

Engagieren Sie sich freiwillig und uneigennützig für andere (sozial, kulturell, schlimmstenfalls für Flüchtlinge)? - Haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun, als das System zu stützen?

Wollten Sie in Ihrem Leben schon einmal hoch hinaus? - Streber.

Haben Sie's sogar geschafft? - Endgültig Schluss mit lustig.

Denken Sie manchmal nach, bevor Sie etwas Garstiges, Verleumderisches, Beleidigendes sagen, twittern, posten? - Warum nur?

Bevorzugen Sie Umgangsformen, die wenigstens ein Mindestmaß an Respekt garantieren? - Geht's noch?

Lassen Sie auch andere Meinungen neben der Ihren gelten? - Sie Schaf.

Sind Sie trotz Sorgenfalten immer noch pro-europäisch? - Establishment hoch drei oder unreifer Jungspund.

Ja, es ist heute gar nicht mehr so leicht, die "Massen" und die "Etablierten" auseinanderzuhalten. Wer auf das Establishment schimpft, ist populistisch, wer den Populismus verhöhnt, arrogant. Manchmal ist aber auch das Establishment populistisch, sind die Populisten arrogant.

In Wirklichkeit ist es sogar noch komplizierter. Man kann auch tatsächlich oder vermeintlich zum Establishment gehören, mächtig, steuervermeidend und reich sein - also mindestens milliardenschwer - und doch zum Kämpfer von Volkes Gnaden gegen das Establishment avancieren. So wie der künftige US-Präsident Donald Trump.

Es stimmt schon. Die westlichen demokratischen Gesellschaften sind selbstgefällig und gleichgültig geworden. Es fehlt die Begeisterung für die einst mühsam errungene Freiheit. So, als sei sie kein schützenswertes Gut, sondern unverbrüchlich, selbstverständlich. Was für ein Irrtum. Die Sorgen der Abgehängten, der Enttäuschten, der Verzagten werden nicht ernst genug genommen. Das ist bitter. Das ist demütigend. Das macht wütend.

Interessieren sich aber die neuen Heilsbringer, die ihre Daseinsberechtigung vornehmlich aus dem Protest ziehen, tatsächlich für jene, die sich übergangen fühlen, oder wollen sie vielleicht im Gegenteil nur neue Cliquen und Eliten bilden?

Isabell Funk, Chefredakteurin