1. Meinung

Vorgelesen - Ken Follett: Kinder der Freiheit

Vorgelesen - Ken Follett: Kinder der Freiheit

Ein und denselben Zeitraum aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben, hat in der englischsprachigen Literatur eine lange Tradition. Nicht immer sind die aus dieser Idee entstandenen Bücher einfach zu lesen.

Generationen von Anglistik-Studenten wissen das, weil sie sich bereits durch die Werke von James Joyce oder Thomas Hardy quälen mussten. Dass es besser geht, beweist Ken Follett in seinem Hörbuch "Kinder der Freiheit".

Vorab - auch für den dritten Teil der Jahrhundertsaga des Walisers werden die Zuhörer viel Zeit brauchen, ungefähr 15 Stunden. Das ist jedoch gut investierte Zeit, weil sie dadurch Einblick in eine faszinierende Zeitreise zwischen 1961 und 1989 erhalten. Der Kalte Krieg wird dabei anhand mehrerer Familiengeschichten plastisch beschrieben. Wie bereits aus den Vorgängerteilen bekannt, spielen die Hauptfiguren eine wichtige Rolle bei historischen Entwicklungen. Die Figuren wissen zumeist nichts mehr von den verwandtschaftlichen Beziehungen ihrer Eltern oder Großeltern.

Die Handlungsstränge sind nur noch lose miteinander verwoben. Das macht "Kinder der Freiheit" auch für Zuhörer interessant, die die beiden Vorgängerteile noch nicht kennen. Seine erzählerische Stärke spielt Follett in der Beschreibung der 60er Jahre aus. Ob Kubakrise, die Attentate auf die Kennedy-Brüder oder der Mauerbau - immer wieder gelingt es dem Autor, sein Publikum mit neuen Details zu überraschen. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow wird so zum schrulligen Sympathieträger und Bürgerrechtler Martin Luther King zum moralisierenden Frauenhelden.

In präziser, einfacher Sprache und mit brillanten Sprachbildern führt Follett sein Publikum überragend durch die Sechziger und Siebziger Jahre. Doch die Chance, aus diesem guten Hörbuch ein grandioses zu machen, vergibt der Autor mit seinem Schnelldurchlauf durch die gerade für Deutschland so wichtigen Achtziger Jahre. Dabei streift er viele Ereignisse nur oberflächlich und verspielt am Ende sogar die Chance noch einmal alle Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen.

So kann auch ein fantastischer Sprecher wie Johannes Steck nicht verhindern, dass die "Kinder der Freiheit" nur ein solider, hörenswerter Abschluss einer Trilogie und eben nicht der erwartete neue Meilenstein der englischen Literatur sind. Thomas Zeller

Ken Follett: Kinder der Freiheit, Spieldauer: etwa 889 Minuten, 12 CDs, Verlag Bastei Lübbe Audio, 2014