Weißes Gold

Er hat es wieder getan, mein Martin, und mich zur Weißglut gebracht. Diese Woche hat ein Laster vor unserem Haus seine Fracht abgekippt, die mein Gatte eigenhändig in unsere Doppelgarage geschaufelt hat. Platz für unsere beiden Autos ist dort drin nicht mehr.

"Macht doch nichts", sagt Martin. "Dafür steht uns das Geschäft unseres Lebens bevor." Sicher, es ist nicht verkehrt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sich Geld verdienen lässt. Aber dass er jetzt eine seiner Schnapsideen in die Tat umgesetzt hat, schlägt dem Fass den Boden aus. Ich sage ja nichts dagegen, dass wir auf unserem Dach eine Photovoltaikanlage installiert haben, obwohl es noch Jahre dauert, bis wir die bezahlt haben und in die Gewinnzone kommen.

Auch seinen Brief an die griechische Regierung, in dem er sich als Käufer einer Ägäis-Insel anbietet, habe ich kopfschüttelnd hingenommen. Denn auf eine Antwort aus Athen wird Martin vergeblich warten, so dass er seine utopischen Pläne als Tourismusmanager besser gleich begräbt. Doch dass er unsere Garage randvoll mit Tonnen von Streusalz gestopft hat, nehme ich ihm übel.

Noch schlimmer ist, dass mein Gatte überhaupt keine Einsicht zeigt. "Du wirst sehen, wenn der Winter kommt, haben die Gemeinden und Straßenmeistereien spätestens nach zwei Wochen nichts mehr auf Lager, weil sie zu wenig gebunkert haben", erklärt er. Aus dieser Notlage, spekuliert Martin, kann er ihnen dann helfen und - natürlich zu völlig horrenden Preisen - das "weiße Gold" an sie verkaufen.

Damit aber leider noch nicht genug. Denn wie mir Martin gebeichtet hat, steht uns bald die nächste Lieferung einer "todsicheren Mangelware" ins Haus. Mein Gatte hat nämlich gleich noch 10.000 Schneeschippen beim Großhändler bestellt.

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