Kolumne: Die einen oben und die anderen unten

Kolumne : Die einen oben und die anderen unten

Eine Wand und ein Balkon aus Cortenstahl? Wie ich diese Woche in der Zeitung gelesen habe, soll so etwas die alte Treppe hoch zum Schlossplatz ersetzen. Cortenstahl?

Ich bin ja eigentlich ganz gut informiert, aber „Cortenstahl“ ist mir dann doch nicht so geläufig. Meine Wilma aber, die wusste direkt, was das ist. Rostiger Stahl,  hat sie mir erklärt. So wie neben der Synagoge, da ist es auch ganz schön rostig. Woher meine Wilma das weiß? Sie ist eine gute Gärtnerin. Und hat diesen Cortenstahl um ihr Beet gemacht, weil das Schnecken abhalten soll. Aha! Aber ob es soviel Schnecken in der Wittlicher Innenstadt gibt? Und vor allem, was wollen die alle am Schlossplatz? Da gibt es doch nichts zu beißen. Für mich sieht so ein „Cortenstahl“ auf jeden Fall aus wie vom Schrottplatz. Aber es ist halt total modern, hat Wilma gesagt. So wie Waschbeton in den 1970er-Jahren der letzte Schrei war.

Aber das ist ja noch nicht alles. Warum in aller Welt wollen die da einen Balkon bauen? Für mich ist ein Balkon  so ein Ding, wo ein gemütlicher Stuhl, ein Sonnenschirm und ein Grill drauf passt. Kann an der Stelle ja eher nicht sein. Aber Wilma denkt bei Balkon gleich viel größer. Zum Beispiel an die englische Königsfamilie. Wie sie sich huldvoll dem Volke zeigt. Mhhmm, vielleicht ist das die Idee, die dahinter steckt. Bisher standen die Menschen auf der Treppe, um dem Festzug bei der Kirmes oder dem Fastnachtszug zu folgen. Attraktion unten, das Volk oben. Vielleicht soll das bald geändert werden. Unser Bürgermeister hält dann zum Beispiel beim Neujahrsempfang seine Rede von oben, umrahmt von der First Family und dem Stadtrat. Und das Volk jubelt von unten.

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