1. Meinung

Im Schatten des Bauzauns

Im Schatten des Bauzauns

Ich liebe Tierfilme. Was habe ich nicht alles von Heinz Sielmann, Bernhard Grzimek gelernt. Wissen, dass ich noch heute anwende.

So studiere ich derzeit das Weddlia Balzverhalten, Auswirkungen von Bauzäunen in freier Stadtbahn und die Rolle des Kopfschmucks. Letzterer wird immer glänzender. Besonders schön finde ich das Libellenblau, das jüngere Artgenossen zur Schau tragen. Dieses schillernde, symbolische zweite Augenpaar aus Glas oder Plastik wird von Männchen wie Weibchen gleichsam je nach Aktivität und Tageszeit meist in wechselnden Stellungen getragen.

Bei stolzen Exemplaren gerne wie eine Halb-Krone aufsitzend, sodass aus der Ferne ein gutes Erkennen gewährleistet ist. Dabei verstärkt sich der begehrte, auffällige Spiegeleffekt bei Blickrichtung gegen das Licht, was wohl Vorteile bei der Partnersuche verschafft. Manches Männchen tarnt sich - meist in ruhender Position - mit dem Brillenschmuck. So werden andere Männchen und Weibchen beobachtet.

Das haben ich selbst beobachtet bei meinen Streifzügen durch die Stadtnatur. Männliche Exemplare, die ihre Blickrichtung verschleiern, suchen genauso Schutz im Schatten eines Baustellenzauns, wie auch ältere Exemplare, bei denen Kopfschmuck nicht mehr hilft, also nichts schillert. Dann kommt, vermute ich nach einem Selbstversuch, ein evolutionstechnisch sinnvolles Verhalten zum Tragen: Lernen durch Beobachtung. So kann ich mittlerweile theoretisch ein neues Rathaus für Wittlich bauen.

Nach scharfem Beobachten folgt eine Ruhephase zum Kräftesammeln bei Aufsetzen eines Baustellenkennerblicks und gleichzeitigem kompletten Durchzug im Kopf.

Dann ist auch nicht mehr unangenehm, dass auf der anderen Seite des Baustellenzauns meist ausschließlich männliche Exemplare dem Arterhalt durch Arbeit dienen, was je nach Perspektive fast wie Käfig- oder Zoohaltung wirkt.

Und so wie aus der Tierwelt bekannt ist, dass ein Schwan sich in ein Tretboot verlieben kann, befürchte ich nach meinen Feldstraßenstudien in Wittlich, dass sich Männer am Bauzaun in Bagger verlieben oder, weniger problematisch in Schubkarren. Ich kann nur raten: Bitte nicht füttern. Dann verlieren diese Männchen sämtliche Urinstinkte, lassen sich fremdernähren, sind in baustellenfreien Zonen nicht mehr lebensfähig. Auch die Fortpflanzung ist gefährdet. Selbst mit Sonnenbrille. Sielmann hilf!