1. Meinung

Meine Wirtschaftswoche: Willkommen im 19. Jahrhundert

Meine Wirtschaftswoche: Willkommen im 19. Jahrhundert

Stellen Sie sich vor, auf den Straßen fahren Kutschen, Deutschland ist eine Monarchie und als Währung gilt die Goldmark. Ja, Sie sind Ende des 19. Jahrhunderts gelandet. Und was hat das mit uns heute zu tun? Damals wie heute ist Deutschland eine starke Industriemacht.

Damals wie heute sind die Renditen jedoch rekordverdächtig niedrig. Derzeit liegen sie so tief, dass Deutschland trotz des Rufs, ein sicherer Hafen für Anleger zu sein, die neue Emission zehnjähriger Papiere in dieser Woche nicht ganz verkaufen konnte. Das wäre nur halb so tragisch, investierten nicht gerade unsere Lebensversicherungen und Pensionskassen in langfristige Papiere. Erträge sind derzeit kaum zu erzielen.

Vor allem der Garantiezins, das Verkaufsargument der Lebensversicherungen, gerät unter Druck. Er wurde zum Jahreswechsel um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Gleich, in welchen Anlagen man derzeit aktiv ist: Die Geldentwertung übersteigt die Erträge. Laut Finanzexperten wird diese Form der Wertvernichtung einige Jahre anhalten. Noch drücken die Schuldenstaaten der Euro-Währungsunion und ihre Geldinstitute die Zinsen, die Europäische Zentralbank pumpt zu ihrer Rettung viel Geld ins System.

Folge: Die Geldpreise sind verzerrt. Die Rückkehr ins 19. Jahrhundert erscheint dennoch wenig wünschenswert. Denn kein europäisches Land profitiert von der Vertrauenskrise im Euro-Raum stärker als Deutschland. Beweis: Die Ausfuhren in Länder außerhalb der EU legten im Januar dreimal stärker zu als die Exporte in EU-Staaten. Gewinne, an denen die Anleger indirekt auch wieder Anteil haben werden.